»O, lassen Sie Ihren Namen, den ich jedenfalls doch nicht aussprechen kann! Sie sind ein Deutscher und das genügt mir.«
Ein stolzes Emporwerfen des Kopfes begleitete ihre Worte.
Schnell hatte ich mich an ihre Seite wieder niedergelassen und war jetzt im stande, die sonderbare Erscheinung mit Ruhe und Muße zu betrachten.
Das Kind, anscheinend ein Knabe von elf bis zwölf Jahren, lehnte gleichgültig dreinschauend und mit einem melancholischen Ausdruck in dem fast kupferfarbigen mageren Gesichtchen neben der Bank, auf welcher wir saßen. Ihre auffallende, höchst bunte Tracht mußte jedenfalls eine Art Nationalkostüm repräsentieren. Denn um am helllichten Tage in New York in einem Maskenanzuge umherzuziehen, dem widersprach das ganze Wesen und Auftreten der sonderbaren Frau.
Ein kornblumenblauer faltiger Rock mit breiter roter Borde bildete das Untergewand, worüber ein langer, weißer, grobgewebter Mantel fiel, ähnlich dem Stoffe, den in Mähren die Hannaken über den Schultern tragen. In malerischen Falten, den schlanken doch kräftig gebauten Oberkörper nur zum Teil verhüllend, drapierte sich derselbe über ihrer Figur. Das glatte, pechschwarze, in der Mitte gescheitelte Haar war zur Hälfte von einem grünlich schillernden Seidentuche bedeckt. Um den Hals und über die Brust wanden sich mehrere Schnüre bohnengroßer, dicht aneinander gereihter Goldkörner, während an einem breiten, ziemlich primitiven Ledergurte ein kurzes, in roher Scheide ruhendes Dolchmesser herabfiel.
Ihre Gesichtszüge waren hager, hart und eckig, verrieten indes noch Spuren einstiger Reize. Ganz besonders aber waren es die Augen in stets wechselndem Ausdrucke, welche, bald wild flammend, bald herzgewinnend freundlich, mein Interesse an der merkwürdigen Frau noch besonders erhöhten.
In gleich phantastischer Weise war auch das Kostüm des Knaben, dessen Anzug viel Ähnlichkeit mit dem eines jungen Hochländers verriet. Nur bildeten Mokassins die Fußbekleidung, und eine Art Toque mit wehender Adlerfeder zierte das dunkle, nicht uninteressante Köpfchen.
Stillschweigend, aber keineswegs gekränkt, hatte sie meine scharfe Musterung über sich wie das Kind ergehen lassen, ja sie schien durch dieselbe beinahe belustigt. Denn sie brach das Schweigen plötzlich mit den heiteren Worten:
»Sie sind ein völlig Fremder hier in New York, wie ich sehe, Sir?«
»Ja, Madame! Nur um die Weltausstellung zu besichtigen, bin ich herübergekommen. Meine staunenswerte Unkenntnis über den Namen Mary Powl ließ Sie das natürlich sogleich vermuten. Jedenfalls hat dieser Name hier einen hohen und berühmten Klang. Daher segne ich den Zufall – oder vielmehr meine Zahnschmerzen, die mir Ihre interessante Bekanntschaft verschafften,« entgegnete ich mit feiner Galanterie, indem ich mich leicht verneigte.