Wieder warf sie so eigenartig stolz und herausfordernd den Kopf in den Nacken und flüsterte, träumerisch in die Leere starrend:

»O nein, weder berühmt noch hoch! Einst wohl war er das beides. Aber dieses einst ist begraben. Hier betrachtet man mich als Original – als letztes Überbleibsel eines ehemals mächtigen Irokesenbundes von draußen am herrlichen Genesee-Thale im westlichen Staate New York. Den Kultus, den ich noch immer mit dem Andenken früheren Glanzes, mit den teuren Erinnerungen des so bald dahingeschiedenen Gatten – eines stolzen Häuptlings – treibe, nennen die poesielosen Amerikaner überspannte Phantastereien. Allein man läßt mich gewähren. Ist doch Mary Powl, die Indianer-Squaw, völlig harmloser Natur. Die Leute in den Straßen und die Fremden schauen ihr wohl neugierig oder herausfordernd nach, ja, die Schulbuben lachen über sie und ihren Sohn – was thut das! Mary Powl hat anderen, tieferen Schmerz erfahren und geduldig hinnehmen müssen – den nie sterbenden Gram über das Herabsinken, das Niedergehen einer großen, herrlichen Nation!«

Aufs höchste interessiert, lauschte ich diesen mit monotoner Stimme vorgetragenen Worten und entgegnete nur wie schüchtern tröstend:

»Aber es giebt doch noch viele Indianer Ihres Stammes. Wenngleich, so viel ich hörte, die einstigen Irokesenbunde teilweise aufgelöst und deren Glieder in verschiedene Gegenden zerstreut worden sind, so leben doch gerade hier, im Staate New York, von denselben noch genug und führen als angesehene Männer unter den Amerikanern ein einträgliches, friedliches Dasein.«

Abwehrend und verächtlich schüttelte sie das Haupt.

»Seit sie ihren Tomahawk vergraben und den Glauben der Weißen angenommen, hat Omäneo, der große Geist, von ihnen sich abgewendet. Die Amerikaner haben den Fuß auf den Nacken der roten Männer gesetzt. Nicht Herren sind sie mehr in diesem Lande, nur erbärmliche Knechte!«

Tiefe Bitterkeit klang bei dieser Rede durch der Indianerin Stimme, während sie wie schützend den einen Arm um des Knaben Schulter legte und fort fuhr:

»Kinder eines Vaters – so lehrt das Christentum! Allein, sind wir das wirklich? Diese Frage drängt sich immer von neuem vor meine Seele. Ihr Deutschen befolget Gottes Gebot: ›Liebet euren Nächsten!‹ im schönsten, reinsten Sinne des Wortes, Ihr sehet in uns – den Farbigen – den Bruder. Nicht so der Amerikaner, dessen Brust der unbegründete, bittere Erbhaß erfüllt, ja der ungerecht und hart ist – oft bis zur Grausamkeit.«

»Und dennoch wählten Sie Ihren Wohnsitz mitten unter ihnen?« fragte ich, die Witwe des Irokesenhäuptlings betrachtend.

Sie deutete auf den Knaben.