Sie nahm den Knaben wieder an die Hand, neigte leicht den Kopf und ging.
Tief gedankenvoll blickte ich der fremdartigen Erscheinung nach, bis der leuchtende weiße Mantel hinter dem Gebüsch verschwunden war. Der endlose Park breitete sich wieder totenstill vor mir aus. Die Spatzen – andere Vögel vermag dieser nicht aufzuweisen – hüpften zutraulich über den Weg, als ob, seitdem ich auf der einsamen Bank mich niedergelassen, nichts die feierliche Ruhe ringsum gestört hätte. Sollte ich die letzte halbe Stunde wirklich nur geträumt haben, oder war die reizvolle Scene einzig nur meinem erregten Geiste entsprungen? Auch die nüchterne Phantasie eines alten Junggesellen erlaubt sich zuweilen eine Verirrung. Plötzlich jedoch lachte ich herzlich auf. Die Zahnschmerzen – fort waren sie zweifellos; o Glück! Dieses wonnige Bewußtsein war kein Traum!
Ein eigentümliches, höchst prosaisches Gefühl in der Magengegend verscheuchte indes bald alle poesiereichen Gedanken. Jetzt verursachte mir die Aussicht auf ein gutes Diner ein angenehmes Behagen. Wer auch wollte mir das verdenken! War doch seit meiner Abreise aus Philadelphia kein Bissen über meine Lippen gekommen. – Eine halbe Stunde später saß ich bei Delmonico, und trotz aller Ehrfurcht und Hochachtung vor der weisen Einrichtung des Temperenzgesetzes stand eine Flasche »veuve Cliqot« vor mir im Eiskühler. Gern nahm ich am heutigen Tage solche Sünde auf mein Gewissen. Das erste Glas galt ihr. Es lebe Mary Powl, die Indianer-Squaw! –
Die Vormittagsstunden des nächsten Tages verbrachte ich mit planlosem Umherstreifen in der großen Hauptstadt der Union. Was mir darin am charakteristischsten dünkte, das war jenes Hinauf- und Hinunterhetzen – anders läßt es sich kaum bezeichnen – am Broadway. Weder in Paris noch in London ist mir derartiges Jagen je wieder vorgekommen. Millionen gewonnen – Millionen verloren – alles geschieht dort drüben in fast ängstlicher Hast! Wer das ganze bunte Bild vom objektiven Standpunkte aus betrachtet, dem erscheint es wirklich ergötzlich.
Endlich zeigte die Uhr die vierte Nachmittagsstunde – die Zeit, welche Mary Powl mir zum Besuche bestimmt hatte.
In einer ziemlich entlegenen Gegend – weit über die 8. Avenue hinaus – lag ihre Wohnung, und ich muß offen gestehen, daß eine gewisse Unruhe oder auch Neugierde mir die Pulse rascher schlagen ließ. Denn obwohl ich schon manches im Leben gesehen und kennen gelernt hatte – in die inneren Verhältnisse einer Indianer-Häuslichkeit war mein Blick noch nicht gedrungen. Einen Wigwam erwartete ich im Mittelpunkt der City of New York selbstverständlich nicht; allein ich konnte – mit Rücksicht auf Mary Powls Äußeres und deren romantisches Vorleben – auf außergewöhnliche interessante Entdeckungen schließen. Da sie ja von dem ererbten Vermögen ihres tapferen Gemahls gesprochen, so durfte ich annehmen, daß sie pekuniär in guten Verhältnissen lebe.
Die Hitze war aufs neue drückend, so daß ich mir ein Cab nahm, um rascher mein Ziel zu erreichen. Das Haus, wohin dasselbe mich führte, kam mir auf den ersten Blick allerdings nicht sehr elegant vor. Eines jener Tenement houses – oder wie wir es bezeichnen würden: eine Mietkaserne war es, wie dergleichen in New York Leute bewohnen, welche nicht in der Lage sind, für sich ein Haus allein zu mieten, es aber vorziehen, eigene Menage zu führen, anstatt sich bei anderen in board (Kost) zu geben. Immerhin deutete das Innere des Gebäudes auf große Sauberkeit und Accuratesse. Die Stiegen waren mit Wachstuch bekleidet und die Scheiben der hohen Flurfenster blitzten förmlich in der Sonne. Rasch entschlossen klopfte ich an die mir genau bezeichnete Thür, weil die Wohnung keinen verschlossenen Vorsaal nebst Klingelzug aufwies.
Im selben Augenblicke steckte auch schon ein wollhaariges Negermädchen den Kopf heraus und fragte mürrisch nach meinem Begehr. Ihr meine Karte überreichend, erwiderte ich, daß Mrs. Powl mich erwarte.
Schon nach wenigen Sekunden kehrte die Dienerin zurück und öffnete mir schweigend die Pforten des geheimnisvollen Tuskulums. Moderne Möbel – moderne Teppiche und Fenstervorhänge – boten sich meinen überraschten Blicken dar.
Den ersten Augenblick überkam es mich gleich einem Gefühl der Enttäuschung. Nichts, auch nicht der kleinste Gegenstand entsprach hier dem Bilde, das ich mir von dem home Mary Powls gemacht hatte. Fast ärgerlich ließ ich fast alles in dem Gemache Revue passieren. Also nur mit leeren Worten, und vielleicht mit den paar bunten Lappen, die ihre Toilette ausmachten, blieb sie dem Andenken an die einstige Berühmtheit ihres Stammes treu? Von einem Kultus hatte sie gesprochen, den sie mit den Erinnerungen an die ihr teure Vergangenheit trieb – und das geschah hier in dieser, der Erscheinung der Indianerin so gänzlich widersprechenden Umgebung? Alles Anziehende, jeder Reiz dieses Besuches ging für mich völlig verloren.