Sicher mußte ich demnach auch darauf gefaßt sein, sie selbst in moderner Toilette, mit einer unmöglichen Haarfrisur, das dunkle Bronzegesicht von einem Lockengekräusel umrahmt, erscheinen zu sehen! Lächerlich! Wie konnte ich doch nur so unüberlegt und einfältig sein, mich hier anlocken zu lassen? Möglicherweise lief die ganze Geschichte auf einen echt amerikanischen Humbug, eine fein angelegte Schwindelei hinaus! Die schlaue Person witterte sicher in mir einen grünen Deutschen. Wie oft hört und liest man doch von solch' gründlich gerupften Vögeln – von Mord – von unheimlichem Verschwinden in New York! Unwillkürlich drückte ich die Hand auf die auf meiner Brust ruhende Barschaft und schaute mich halb forschend, halb ängstlich um.
Das Negermädchen hatte das Zimmer wieder verlassen. Da erhob sich plötzlich ein schwerer, dunkler Thürvorhang und – Mary Powl stand genau im nämlichen Anzuge, wie sie mir im Parke begegnet, nur ohne den weißen Mantel, mir gegenüber. Ernst und ruhige Würde, dabei wieder jene kühl herablassende Vornehmheit, sprachen aus der ganzen Erscheinung. Ein Seufzer der Erleichterung entschlüpfte meiner Brust, und fast beglückt schritt ich ihr entgegen.
»Ich freue mich, daß Sie Wort gehalten haben, Sir!« sagte sie, mir näher tretend, mit dem monotonen, etwas schwermütigem Tonfall in der Stimme, indem sie mir, gleich einem alten Bekannten, die Hand reichte. »Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt seit gestern und darüber nachgedacht, daß ihr Deutschen doch ein beneidenswert glückliches Volk seid!«
»Woraus schließen Sie das, Madame?« fragte ich lächelnd, voll Interesse das dunkle Gesicht anschauend, welches mir heute weniger eckig und in dem Momente, wo die brennenden Augen in Begeisterung flammten, eher anziehend erschien.
»O, ich lese ja Zeitungen!« rief sie, den Kopf selbstbewußt emporwerfend. »Sie sind Preuße? Ich kenne sie alle, eure großen tapferen Männer,« – fuhr sie lebhaft fort – »den greisen Kaiser William, Bismarck, Moltke! Das heißt, ich kenne ihre Namen auf dem Papier. In Wirklichkeit wird mein Auge sie wohl niemals schauen.«
»Das zu erreichen, liegt ja nur an Ihnen,« erwiderte ich verbindlich, den mit vornehmer Handbewegung mir angebotenen Platz einnehmend. Sie hatte sich gegenüber gesetzt und die schlanken braunen Finger im Schoß gefaltet. »Entschließen Sie sich zu einer Reise nach Berlin, Madame! Das würde Ihnen eine reizvolle Zerstreuung und Abwechslung gewähren.«
»Damit ich dann – nach meiner Rückkehr – mich um so unglücklicher in Verhältnissen fühlen würde, in denen zu leben ich doch angewiesen bin. O nein, Sir! So lange mein Sohn sein Ziel noch nicht erreicht hat, wanke ich nicht von diesem Platze.«
Ich mußte ihr beipflichten.
Darauf fragte sie mich nach meiner Lebensstellung und meinem Berufe, und als ich ihr gesagt, ich sei Schriftsteller, sah sie mich fast scheu und ehrfurchtsvoll von der Seite an und meinte befangen, sie hätte sich einen Mann der Feder ganz anders vorgestellt. Da mußte ich nun viel erzählen über deutsche Zustände und Sitten; über Litteratur und Geschichte sprachen wir, und ich gestehe offen, daß ihr, wenn auch nicht gerade reiches Wissen, so doch ihr richtiges Urteil, ihre Kenntnis von Dingen, die man ihr kaum zugetraut, mich wahrhaft überraschten. Freilich wohl zwangen mir die oft kindlich naiven Fragen hin und wieder auch ein Lächeln ab. Aber ich erinnerte mich dann schnell, mit wem ich die Unterredung führte. Jedenfalls stand dieselbe, was Originalität und Unterhaltung anlangte, keiner von jenen mit irgend einer deutschen Dame eingegangenen nach.
Auch Mary Powl erzählte mir von ihrer Kindheit und Jugend, von dem kurzen Glück ihrer Ehe, – daß ihr Gatte bei einem räuberischen Überfall eines feindlichen Stammes grausam erschlagen worden, und daß sie darauf mit ihren Landsleuten, mit der Menschheit, ja mit sich selbst zerfallen, der Heimat den Rücken gekehrt und nach New York übergesiedelt sei.