»Und hier führe ich nun seit fast zehn Jahren ein stilles, zurückgezogenes, mir zusagendes Dasein,« schloß sie den schlichten Bericht. »Mein home ist meine Welt, in der ich mich glücklich fühle.«
Wie das so natürlich war, flog mein Auge über die moderne Einrichtung des Gemaches, während ich die schüchterne Frage aufwarf, weshalb sie alles, was an das einstige romantische, abenteuerliche Leben der Vergangenheit gemahnte, daraus verbannt habe?
Sie lachte. Es war das erste und letzte Mal, daß ich diese Frau wirklich lachen hörte.
»So glauben Sie im Ernst, daß das durch Abhärtung und Entbehrungen aller Art gestählte Weib an die verweichlichte Lebensweise der Weißen sich gewöhnt habe, daß solcher Ballast« – sie deutete auf ein von schwellenden Kissen strotzendes Ruhebett – »ihr unentbehrlich geworden ist? Eine von der Kultur beleckte Indianer-Squaw – wäre das nicht eigentlich spaßhaft? Nein, mein Herr! Mit Leib und Seele, mit jeder Fiber meines Herzens hänge ich noch an alten Erinnerungen. Allein ich verschließe mein Teuerstes vor der Welt. Kein profaner Blick soll je mein Heiligtum erreichen! Dieses Zimmer hier bedarf ich zum Empfange von Leuten, mit denen ich ab und zu geschäftlich verkehre und in Verbindung komme, für die ich auch nur Mrs. Mary Powl bin, welchen Namen ich mir seit dem Fortgange aus meinem Heimatsthal gegeben habe. Doch hier« – in graziös behenden Bewegungen sprang sie empor und schlug den dunkeln Vorhang, durch den sie gekommen, zurück – »hier, Sir, ist mein wahres home! Ihnen zeige ich es; Sie sollen sehen, daß ich das warme Interesse, das Vertrauen, welches Sie mir bewiesen, zu schätzen weiß!«
Zögernden Schrittes war ich gefolgt und blickte nun in stummer Überraschung durch die offene Thür. Mit heiterem Gesichte weidete sie sich an meinem Staunen.
»Nun, ich bitte, treten Sie ein, Sir! In diesen Räumen begrüßt Sie die Witwe des Irokesenhäuptlings Onundega.«
Wir schritten beide über die Schwelle.
Jetzt wußte ich, daß jedes Wort, was Mary Powl von ihrer Vergangenheit mir erzählt, lautere Wahrheit war, daß jeder noch so kleine Verdacht wider sie, der eben noch in meiner Seele Platz gefunden, eine bittere Ungerechtigkeit, ja, eine Kränkung für sie gewesen.
Der Raum, in welchem wir jetzt standen, glich in der That der Vorstellung, die ich in meinen Knabenjahren von dem Wigwam eines Indianerhäuptlings mir vielleicht gemacht. Eine von grobem, eigenartig gewebten, blaubemalten Stoffe, in der Mitte der Decke angebrachte und an den Wänden niederhängende Draperie war geschickt und kunstgerecht zu einer Art Zelt verarbeitet, so daß die Seite, wo die Fenster sich befanden, ebenfalls verhangen blieb, weshalb sich nur ein mattes, angenehmes Dämmerlicht über den nicht großen Mittelraum verbreitete. Jeder Gegenstand dieses wunderbaren Gemaches trat klar und scharf ins Auge, und jeder Blick sagte mir, daß hier Mary Powl in ihrem Elemente, in ihrem eigentlichen home sei.
Ihr kurz befehlender Wink nach der einen Ecke bedeutete den dort am Boden kauernden, anscheinend lesenden Knaben aufzustehen und mich zu begrüßen. Mit dem Buche in der Hand kam er leise herangeschlichen und schaute schüchtern zu mir auf.