Liebkosend strich ich ihm über das schlichte, lange tiefschwarze Haar und fragte, was er denn so fleißig studiere? Mit stolzem Augenaufschlag erwiderte er:

»Latin, Sir!«

Dann hüpfte er wieder behende in seinen Winkel, schlug aufs neue das Lexikon auseinander und nahm anscheinend keine Notiz mehr von uns.

Währenddessen stand, den einen Arm an die schlanke, doch kräftige Hüfte gestemmt, die Indianerin neben mir und verfolgte mit einem Ausdruck von Befriedigung im Gesichte meine sich immer steigernde Verwunderung.

An der einen Längenwand des Zeltes, dicht über dem Haupte des Knaben, hingen die einstigen Waffen, Schild, Speer und Bogen, wie der phantastische Kopfschmuck mit der wehenden Adlerfeder (dem Abzeichen des Häuptlings) ihres heimgegangenen Gemahls. Verschiedene indianische Gerätschaften oder Handwerkszeuge, deren Zweck und Nutzen mir im ersten Augenblicke nicht recht klar war, bildeten eine originelle, malerische Verzierung um die mit sichtlicher Pietät gehüteten und bewahrten Überbleibsel einer kurzen, jedenfalls ruhmvollen Kriegerlaufbahn. Und weiter – mein Auge irrte neugierig über hundert mir völlig unbekannte Dinge hinweg. Hier lagen Jagd- und Kriegstrophäen des stolzen Onundega, ausgestopfte Tiere und Vögel, Köcher und Pfeile, wie auch seltsamer Federschmuck, dort Sattel- und Zaumzeug seines Lieblings- oder Streitrosses neben den primitiven Toilettenartikeln eines besiegten Feindes. Aber – was war das? Mein Blick war plötzlich auf etwa sieben bis acht ganz unheimliche Gegenstände gefallen, die in Manneshöhe, an einem starken Hanfseile aufgereiht, gleich gefangenen Krammetsvögeln im Dohnenstrich, herabhingen.

Ein leises Gruseln lief mir über den Rücken und ich fühlte die einstigen Haare meines jetzt kahlen Schädels sich sträuben. Skalpe – wahrhaftige, Original-Skalpe, je nach der Nationalität derselben mit langen oder kurzen Haaren bedeckt und an ihnen zusammengebunden, baumelten da als Siegestrophäen über meinem Haupte und mußten einem deutschen Herzen wohl begreifliches Unbehagen einflößen.

Unwillkürlich wandte ich das Gesicht rasch nach einer anderen. Mary Powl gewahrte es und führte mich mit feinem Takt schnell zur entgegengesetzten Seite des Gemachs, wo eine in der That auserlesene Waffen- und Gewehrsammlung mein Interesse bald völlig in Anspruch nahm.

Es gab in Mary Powls home überhaupt so viel Merkwürdiges zu schauen, daß wohl Tage dazu gehörten, alle die sehenswerten Dinge mit Ruhe und Verständnis betrachten zu können. Etwas indes nahm meine Aufmerksamkeit besonders gefangen. Dieses war ein höchst eigentümliches, primitives Lager. Auf einer Art Erhöhung nämlich, von Matten und Bärenfellen zusammengestellt, halb verdeckt von einem blauweißen Vorhange (blau ist die Lieblingsfarbe der Indianer), befand sich die Schlafstätte dieser sonderbaren Frau, und ich dachte dabei unwillkürlich ihrer Worte: daß das an Abhärtung und Entbehrungen gewöhnte Weib sich mit der verweichlichten Lebensweise der Weißen nicht befreunden könne.

Also hier schlummerte Mary Powl, hier träumte sie vom einstigen Glück und Ruhm – von der hoffnungsvollen Zukunft ihres Knaben! Hier, umgeben von Waffen, die noch das Blut der Feinde rötete, umgeben von menschlichen Skalpen, – hier fand sie Ruhe nach des Tages Lasten! Ländlich – sittlich! Ich hätte mein bequemes Bett im lieben Deutschland mit dieser Lagerstätte sicher nicht vertauschen mögen.

Viel gesprochen oder gar bewundert und gelobt habe ich nicht, während wir miteinander einen Rundgang durch den hochinteressanten Raum machten. Das dünkte mir in dieser Stunde abgeschmackt und einer Mary Powl unwert. War doch ihr Gesichtsausdruck tiefernst, als riefen all' die Gegenstände tausend schmerzliche Erinnerungen wach. Jedes leere Wort erschien mir daher gleich einer Verletzung ihrer innersten Gefühle.