Doch plötzlich lächelte sie wieder, indem sie mich aufforderte, sie in das viel kleinere Nebengemach zu begleiten. Dieses war, ähnlich dem ersteren, geschmückt und aufgeputzt und diente augenscheinlich ihrem Sohne als Schlafzimmer, ihr selbst jedoch als eine Art Laboratorium. Wunderliche Gefäße, Retorten und Phiolen standen dort auf rohgezimmerten Bänken und Borden umher. Auf dem kleinen Herde dampfte und brodelte es auch, und große Bündel Kräuter und Pflanzen hingen, sorgsam zusammengebunden, von der Decke herab.

Was aber in diesem Zimmer mir noch bemerkenswert vorkam, das war eine ganz prachtvolle amerikanische Safe (eiserner Geldschrank) neuester Konstruktion, an welche Mary Powl nun herantrat. Sie entnahm daraus mehrere kleinere Fläschchen, welche sie mir heiter entgegenreichte mit dem Bemerken, daß das eine vorzüglich gegen Migräne, jenes unfehlbar zur schleunigen Beförderung des Haarwuchses diene.

Mechanisch glitt meine Hand über meine recht bedenkliche Glatze. Allein ich dankte ihr herzlich für diesen feinen Wink, indem ich erwiderte, daß ich zugleich mit dem Schmucke des Hauptes auch meine Eitelkeit abgelegt hätte, ja, daß ich mir lächerlich vorkommen würde, wollte ich plötzlich wieder mit wallenden Locken im Kreise der heimatlichen Freunde erscheinen; im übrigen glaube ich an die Unfehlbarkeit ihrer Mixturen. Zögernd indes setzte ich hinzu, daß, wenn sie mir einige Tropfen jenes wunderthätigen Mittels gegen die Zahnschmerzen geben wolle, so würde ich das mit größtem Danke annehmen. Gutmütig nickte sie und holte geschäftig das Wundermittel, welches mich von peinigender Qual befreit, mir zugleich aber diese interessante Bekanntschaft vermittelt hatte, aus der Safe. Wie eine kostbare Reliquie bewahrte ich dieses Geschenk auf meinem Busen.

»Hier, Sir!« sagte sie darauf, die Thür des Schrankes weit öffnend und mich näher heranwinkend. »Schauen Sie einmal da hinein und sagen Sie mir, ob Mary Powl nicht gut und haushälterisch für ihren Sohn gewirtschaftet hat? Das eine habe ich von den Amerikanern profitiert und gelernt – das Rechnen und Spekulieren.«

Überrascht glitten meine Blicke über den Inhalt des Geldschrankes, und in diesem Momente schämte ich mich wirklich im stillen meiner unedlen, garstigen Gedanken, die ich, bevor die Indianerin eintrat, über dieselbe in dem tiefsten Winkel meines sonst vertrauenden Herzens gehegt hatte.

Dort lagen Wertpapiere, Staats- und Eisenbahn-Obligationen neben aufgetürmten Rollen Zwanzig-Dollar-Goldstücken. Auch Häufchen Goldkörner und unregelmäßige Klümpchen dieses edeln Rohmetalls gewahrte ich und wurde immer mehr durchdrungen von der Überzeugung, Mary Powl sei nicht allein eine interessante, anziehende sondern auch sehr vermögende Frau, welche – nach europäischen Begriffen – sich ihr Leben hätte ganz anders gestalten können.

»Ich staune über Sie, Madame!« konnte ich nicht unterlassen, in vollster Bewunderung auszurufen. »Gute Mutter, tüchtige Geschäftsfrau und ein mutiges, unerschrockenes, stets hilfsbereites Weib, – das vereint sich selten in einer Person und verdient die höchste Anerkennung, welche jeder Ihnen zollen muß!«

Wieder huschte jener Ausdruck von innerer Befriedigung über ihr dunkles Gesicht und sie entgegnete dann fast traurig:

»Hier ernte ich nur Undank, wie unüberwindliches Mißtrauen, welches sich an meine Fersen zu heften scheint, und es mir gar oft erschwert, die menschenfeindlichen Gefühle und Regungen des Busens zu bekämpfen. Doch lassen wir das!« setzte sie abwehrend hinzu. »Wir beide ändern das nicht. – Jetzt kommen Sie wieder hinüber in mein Parlour und nehmen einen kleinen Imbiß, Sir!«

Mir rasch voranschreitend, öffnete sie die Thür des vordersten Gemaches. Noch einen letzten Blick sandte ich über Mary Powls home, dann folgte ich ihr hinaus.