Das uns entgegenstrahlende grelle Sonnenlicht, verbunden mit dem Anblick der modischen Zimmereinrichtung wirkte auf mich beinahe, als wäre ich von einer Wanderung durch ein Märchenland in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Noch halb wie traumbefangen starrte ich auf das Negermädchen, welches sich eben damit beschäftigte, Wein, Früchte und feines Backwerk auf einem Tische zu ordnen und für uns bereit zu stellen.

Aufs neue betrachtete ich gedankenvoll und kopfschüttelnd das elegante Porzellan-Service und Glasgeschirr, welches im entschiedensten Widerspruche stand zu allem, was ich soeben geschaut hatte.

»Wir führen einen echt amerikanischen Haushalt,« sagte Mary Powl, meinen Ideengang erratend, mit feinem Lächeln, indem sie mir eine Platte köstlicher Bananen darbot. Ich nahm eine dieser aromatischen Früchte.

»Meine kleine Sally« – sie deutete nach der Thür, durch welche die Negerin uns verlassen – »ist die Lehrmeisterin, ich bin die Schülerin in der höhern Kochkunst; und so geht das wundervoll von statten. Was mir anfänglich schwer und ungewöhnt ist, das überwinde ich schnell bei dem Gedanken, daß ich Iron Hand ein Opfer bringe. Die Verhältnisse, in denen sein späteres Leben dahinfließen wird, bedingen sorgfältige Erziehung. Einst wird er seiner Mutter das danken. O, Sie sollten nur sehen, – er speist mit Messer und Gabel wie ein junger Gentleman!«

Ungefähr noch eine halbe Stunde verweilte ich in anregendem Gespräch mit der originellen Frau; dann erhob ich mich. Zwei volle Stunden hatte ich bereits in ihrer Gesellschaft zugebracht und ich mußte nun gestehen, daß der Abschied von Mary Powl mir nicht leicht wurde. Der weite Ozean mußte uns ja gar bald für immer trennen. Ob ich – in ihrer Sprache zu reden – das große Wasser noch einmal durchschifft hätte, um sie wieder zu sehen, wenn ich zwanzig Jahre weniger zählte? Wer weiß es! Jedenfalls wußte ich heute genau, daß dies ein Abschied fürs Leben war.

Die Worte, die ich dabei gesprochen, mögen wahrscheinlich recht nichtssagend und abgeschmackt geklungen haben, indem es nämlich eine Eigentümlichkeit von mir ist, daß ich, je tiefer innerlich eine Sache mich berührt, äußerlich desto linkischer und trockener werde. Vom Tragischen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur ein Schritt! Das sollte jeder bedenken, der einmal in reiferen Jahren von einer kleinen Gefühlsanwandlung übermannt wird – umsomehr, da sie selbst, die Witwe des Irokesenhäuptlings, die freie Tochter der Natur, die Frau ohne höhere Erziehung und Bildung, mir gegenüber keinen Finger breit aus den Formen edler, züchtiger Weiblichkeit herausgetreten war. Taktlos und indiskret wäre es daher gewesen, hätte ich mit Blicken oder banalen Redensarten verraten wollen, daß sie mich aufs Lebhafteste interessiere, daß ich wirkliches Gefallen an ihr fand.

Einen Moment hielt sie meine Hand fest in der ihren und schaute mich mit den brennenden Augen an. Der Knabe war gleichfalls herangetreten und lehnte sich, zärtlich angeschmiegt, an die Mutter.

»Ich danke Ihnen für reizvolle, genußreiche Stunden, Sir!« sagte sie in ihrer schlichten, ruhigen Weise. »Nur selten wird mir das Glück zu teil, mich frei von der Seele herunter aussprechen zu können. Liegt doch der Trieb, ja das Bedürfnis hierzu in jeder Menschenbrust. Lange werde ich über alles, was Sie mir erzählt, nachdenken und weise Lehren daraus schöpfen für Iron Hand.«

Einige Sekunden legte ich meine Rechte auf des Knaben Haupt und fragte:

»Du willst ein kluger Mann – ein berühmter Arzt werden und Deiner Mutter treue Liebe und Fürsorge für Dich einst hundertfach vergelten – nicht wahr, mein Junge? Sie verdient es im reichsten Maße!«