Wer jemals einen amerikanischen Sommertag in New York erlebt hat und der Gefahr ausgesetzt gewesen ist, vom Sonnenstich betroffen zu werden, der kennt solche Situation genau. Allein sich sträuben oder gar klagen half hier nichts, indem ich vorwärts mußte, das heißt, mich von der Eisenbahnstation aus auf der Wohnungssuche befand und noch vor Abend mit Sack und Pack in einem guten und bequemen Boardinghouse untergebracht zu werden wünschte.

O New York! Du Eldorado aller nach Fortunens Schürzenzipfel haschenden Deutschen! Wie erfreute mich trotz Hitze und Staub der Anblick der langentbehrten Metropole der Union, wie hatte ich in Tagen der Trübsal und des Kampfes ums Dasein mit sehnsüchtigem Verlangen deiner gedacht und das grausame Schicksal verwünscht, welches mich Jahr um Jahr an den fernen Westen gebunden. Endlich jedoch schien die launische Göttin ein Einsehen und Erbarmen mit mir gehabt zu haben. Ein Glücksfall ließ meine wirklichen oder vielleicht auch nur eingebildeten Talente und Geistesgaben doch schließlich zur vollen Geltung kommen. Durch die vorsorglich zurückgelegten Ersparnisse saurer Arbeit und eine, wie durch höhere Inspiration plötzlich in mir erwachte, fast amerikanische Unternehmungslust und Dreistigkeit bemühte ich mich um die Partnership einer der renommiertesten Advokaturen New Yorks und – erhielt sie. Jetzt war ich ein gemachter Mann. Denn ich kannte die Verhältnisse Amerikas zu gut, um nicht überzeugt zu sein, daß ich den mühsam errungenen Platz auch würde behaupten können. Wie ganz anders waren daher die Empfindungen meiner Brust gegen diejenigen vor fünf Jahren, wo ich mit wenigen hundert Mark in der Tasche vom Steamer des Bremer Lloyd ans Land stieg. Mit stolzem Selbstgefühl betrat ich nun zum zweiten Male den Boden der Empire-City. Die alten Freunde aus jener Sturm- und Drangperiode meines Debuts im Heim des allmächtigen Dollars hatte ich indes darob nicht vergessen und erinnerte mich freudig einer alten Amerikanerin Miß Kathleen Emmerson, in deren gastlichem Hause ich bereits damals – dank ihrer Rücksicht auf meine knappe Barschaft – unter angenehmen Bedingungen einige Wochen verbringen durfte. Mit Miß Kathe, wie das liebenswürdige und menschenfreundliche alte Fräulein von all ihren Bekannten zu jener Zeit kurzweg benannt wurde, hatte ich später auch ab und zu in Korrespondenz gestanden und wußte demnach, daß ihre pekuniäre Lage sich gleichfalls bedeutend verbessert und sie anstatt des kleinen Kosthauses in St. Marks-Place jetzt ein elegantes Boardinghouse in der 24. Straße zwischen der 5. und 6. Avenue inne hatte.

Dorthin also lenkte ich meine Schritte. Das Äußere desselben entsprach vollkommen meinen Erwartungen. Wenigstens zählte es zu den sogenannten guten Brownstone-Houses der City, welche die Straßen der oberen Stadtteile New Yorks zieren und alle ohne Ausnahme wie nach einer Schablone gearbeitet zu sein scheinen.

Beim Eintreten gewahrte ich, daß an der mit massivem Gußeisengeländer versehenen steinernen Vortreppe ein Wagen der New York-Expreß-Compagnie hielt und verschiedene Gepäckstücke, darunter auch ein wahrer Monstre-Koffer, abgeladen und ins Haus hineingetragen wurden. »Aha!« dachte ich mit Befriedigung. »Auch die heiße Jahreszeit thut allem Anschein nach dem Geschäfte meiner alten Freundin keinen Abbruch. Gratuliere, Miß Kathe! Solch enorme Bagage-Zahl deutet auf noble und ständige Gäste.«

Lebhaft sprang ich nun die sechs bis acht Stufen hinan und trat durch die bereits offenstehende Eingangsthür. Mehrere Personen, dabei natürlich auch Miß Emmerson, befanden sich auf dem etwas düsteren Vorflur, als auch schon der freudige Ruf – in eigentümlich accentuiert gesprochenen deutschen Worten mir entgegenklang:

»Kann ich denn meinen Augen trauen? Sie sind es wirklich, Herr Baron von ...?«

»Pst, pst! Lassen wir doch die einstigen Titel und Würden beiseite!« entgegnete ich lachend und ebenfalls auf deutsch: »Mr. Richard Berken, Teilhaber der Firma Haberton & Comp. am Broadway, steht heute vor Ihnen, meine Liebe, und möchte höflich bitten, ihm ein bescheidenes Stübchen in Ihrem gastlichem Hause anzuweisen, Miß Kathe!« Damit schüttelten wir uns beide wahrhaft herzlich die Hände.

Neugierig und mit höflicher Verbeugung schielte ich dabei nach der aus drei Damen und zwei Herren bestehenden Gesellschaft, welche, in Anbetracht ihres mit der Hauswirtin unterbrochenen Geschäftes, dem Anschein nach ziemlich ungeduldig drein schaute. Daher sagte ich zuvorkommend und entschuldigend, daß ich nicht länger stören wolle.

Diese verbindliche Äußerung entschlüpfte mir einzig nur wegen des reizenden Gesichtchens der jüngsten dieser drei eleganten Ladys, deren blaue Kinderaugen in ernstlich forschendem Ausdruck auf mir hafteten. Dann folgte ich mit kurzem: »Auf Wiedersehen, Miß Emmerson!« dem durch die Hausfrau avertierten Neger die Treppe zur oberen Etage hinan. –

Um sieben Uhr abends war das gemeinschaftliche Diner, welches alle Logiergäste des Hauses im Speisesaale versammelte. Ich selbst, bereits vollständig häuslich eingerichtet, war einer der ersten Ankömmlinge gewesen und hatte mir die recht hübsch arrangierte Tafel mit Muße betrachten, wie auch jeden neu Eintretenden eingehend mustern können.