Halt! Jetzt stutzte ich. Da kam ja meine fashionable Gesellschaft von heute vormittag, deren voluminöse Koffer schon meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, soeben aus der Halle. Voran eine große, brünette Dame mittleren Alters mit auffallend harten, fast fatalen Gesichtszügen, deren elegante Seidenrobe mir zu der starkknochigen Gestalt wenig im Einklang zu stehen schien. Neben ihr schritt eine sehr schlanke, beinahe ätherische, junge Frau, – nach meinen unerfahrenen Toilettebegriffen ganz reizend und distinguiert in einen hellen, undefinierbaren Sommerstoff gekleidet, dessen roter Seidengürtel und Bandgarnitur den zarten Teint des schmalen Ovals gar vorteilhaft hob. Trotz der Verschiedenheit der Gesichter zeigte ein merkwürdig ähnlicher, halb bitterer, halb verdrossener Zug um den Mund, daß das Mutter und Tochter sein mußten. Ihnen folgten ein mittelgroßer, hagerer Mann mit militärisch verschnittenem Haar und braunem, intelligentem Gesichte und meine allerliebste Unbekannte aus dem Vorsaal – mit den mir bereits bekannten, mich so sehr anheimelnden blauen Augen.
Welch poetische Erscheinung! dachte ich lebhaft angeregt. Dieses hellblonde, gewellte Haar, dieses mädchenhaft zurückhaltende, dabei doch so edle Auftreten, dieser fast schüchterne Blick – dies alles entrückte mich für Sekunden der Gegenwart, ja dem Lande, in dem ich mich befand, und ließ schmerzliche Erinnerungen an traute deutsche Frauengestalten in meiner Seele auftauchen.
Im größten Gegensatze zu den anderen Damen entbehrte der Anzug meiner »Beauty« fast jedweder Eleganz. Ein schlichtes, aber um so reizenderes Kleid von feinem grauem Wollstoff bildete die Toilette – voilà tout!
Völlig in meinen Reflektionen versunken, vergaß ich, mich daran zu erinnern, daß noch ein zweiter Herr, ein auffallend gut aussehender junger Mann, diesen Morgen beim Eintreffen der Gesellschaft zugegen gewesen.
Alsbald führte Miß Emmerson mich mit dem simplen Namen: Mr. Richard Berken bei allen Anwesenden ein und wies uns die Plätze an. Doch wer beschreibt meine freudige Überraschung: als ich aufschaute, sitzt die liebreizende Blondine dicht an meiner Seite.
Sonderbar! Dieser kurze Aufblick aus ihren Augen glich fast einem stummen Verhör. Instinktiv fühlte ich, daß sie mit echt amerikanischer Scharfsichtigkeit sich einen sowohl das Individuum, als auch dessen Charakter und Nationalität betreffenden Eindruck festzuhalten und sich einzuprägen suchte.
»Sie verstehen englisch, Sir?« fragte mich die liebliche Tischnachbarin mit den aus ihrem Munde reizend klingenden Tönen ihrer Muttersprache.
Freudig bejahte ich es, und bald kam unsere Unterhaltung in guten Fluß. Nur sah ich mit Verwunderung auf ihre allerliebsten Hände, wie sie von allen ihr servierten Gerichten, außer daß sie sich selbst versorgte, noch reichliche Quantitäten auf bereits vor ihrem Platze stehende Teller legte und diese dann sorglich mit einem kleinen Schüsselchen bedeckte. Sie selbst aß hastig und zerstreut.
Was bedeutete nur das? Als Mann von guter Erziehung wagte ich natürlich nicht, danach zu fragen. Doch mochten meine Gesichtszüge wohl einige Neugierde verraten haben; denn lachend – es war dies genau ein verlegenes Kinderlachen – sagte sie:
»Dies ist für Frank, meinen Gatten, Sir! Er leidet schon seit längerer Zeit an einer sehr fatalen, unbequemen Magenverstimmung, kann infolgedessen nicht jedes Gericht vertragen und somit auch nicht mit uns an der Tafel speisen. Aber es freut ihn immer so sehr, wenn ich selbst ihm sein bescheidenes Diner hinaufbringe, – der arme Franky!«