»O, wie betrübend!« entschlüpfte es unwillkürlich meinen Lippen. Doch wäre es gewiß schwer festzustellen gewesen, ob der Ausruf des Bedauerns der üblen Magenverstimmung des armen Franky oder dem Umstande gegolten, daß mein holder Blondkopf bereits einen Ehemann besaß. Das also war der gut aussehende Gentleman, welcher an der Gesellschaft fehlte und den ich diesen Vormittag schon von Angesicht gesehen!
Wirklich erhob sich nun nach einer Weile die junge Frau, ließ von dem aufwartenden Neger sich ein Präsentierbrett reichen, arrangierte darauf die verschiedenen Teller und verließ damit geräuschlos den Speisesaal. Die übrigen Tischgäste mochten den kleinen Vorfall wohl kaum bemerkt haben. An meiner Nachbarin rechter Seite saß ein alter Herr mit blauer Brille, welcher überhaupt miserabel zu sehen schien. Nur Miß Emmerson warf mir vom anderen Ende des Tisches einen seltsam bedeutungsvollen Blick herüber, welcher mir nun auch sofort klar machte, warum sie gerade mich an die Seite der reizenden Amerikanerin placiert hatte.
Nach beendeter Mahlzeit, als ich schon den Hut in der Hand hielt, um dem schwülen Speisezimmer zu entfliehen, und hastig hinausstrebte in den herrlichen Sommerabend, faßte unsere freundliche Wirtin mich plötzlich am Rockärmel und drängte mich etwas nach einer Fensternische.
»Ich glaube aus unbedeutenden Reden und Anzeichen leider bemerkt zu haben, daß hinter dem ganzen Auftreten der Newlands irgend etwas Mystisches steckt,« flüsterte sie auf deutsch mir ins Ohr – eine Sprache, welche die alte Dame in der Praxis, das heißt, in jahrelangem Verkehr mit meinen Landsleuten, wohl erlernt haben mochte. »Meine große Menschenkenntnis hat mich noch selten getäuscht, und man könnte, wenn man sich die Zeit dazu nehmen wollte, zu spionieren, gerade hier vielleicht interessante Entdeckungen machen. Wir leben aber im glücklichen Lande der Freiheit, Mr. Berken, und so denke ich, wir lassen jeden ruhig seinen Weg gehen, – nicht wahr? Die Newlands zahlen brillant, und mein Haus will bestehen. Alles übrige geht mich nichts an, wenigstens soweit meine Logiergäste nicht mit dem Gesetze in Konflikt kommen. Denn darin verstehe ich keinen Spaß. Well, mein Freund! Wir kümmern uns also nicht weiter um dieser Familie Privatangelegenheiten, noch darum, ob und weshalb Mr. Newland nicht zum Diner kommt?«
»Ganz gewiß nicht, Miß Kathe!« entgegnete ich bereitwilligst und heiter lachend. »Mich interessierten anfänglich nur die auffallend schönen Augen meiner jungen Tischnachbarin. Doch seit ich erfuhr, daß diese Dame bereits einen Gatten hat, ist der sie vorher umgebende Nimbus schon ganz gewaltig geschwunden.«
»O, immer noch der alte Schelm!« drohte mir Miß Emmerson mit dem Finger. »Nun, good evening, Mr. Berken!« Damit winkte sie mir freundlichst zu und ich ging meines Weges.
Man spricht zuweilen in vollster Überzeugung, die Wahrheit gesagt zu haben, doch trotz alledem eine recht handfeste Lüge aus und gelangt oft erst durch Zufall hinter solchen Betrug heimtückischer Schicksalsmächte.
»Seit ich weiß, daß die schöne Mrs. Newland einen Gatten hat, ist ihr Nimbus gewichen,« hatte ich spöttisch geäußert, und war natürlich gänzlich davon durchdrungen, daß jene Leute mir total gleichgültig bleiben würden. Es sollte indes anders kommen. –
Etwa 14 Tage mochten wir nun in Miß Emmersons stillem, komfortablem Boardinghouse wohnen, als etwas sich ereignete, was mein anfänglich lebhaftes, dann standhaft zurückgedrängtes Interesse für die liebliche Mrs. Newland plötzlich wieder neu anfachte. Meine anstrengenden Berufspflichten hielten mich zwar von früh acht Uhr bis nachmittags vier Uhr in der Office am Broadway fest. Allein ich fand immer noch Zeit genug, einige gemütliche Stunden im Parlour oder auch auf Miß Kathes luftigem Balkon zu verbringen. Nach wie vor konversierte ich über allerlei harmlose Tagesereignisse mit meiner hübschen Nachbarin bei Tische; auch trug nach wie vor die vorsorgliche Gattin ihrem armen Frank die Speisen hinauf in sein Zimmer. Aus der Unterhaltung mit ihr erfuhr ich nach und nach, daß die alte Dame, welche meine Sympathien durchaus nicht erwecken konnte, die Mutter von Frank Newland, sowie der schlanken jungen Frau sei, deren Mann mir als Major irgend eines Miliz-Regiments, als Mr. Fowler, vorgestellt worden war. Meine blonde Freundin erzählte ferner en passant, daß sie schon drei Jahre verheiratet wäre und mit der Familie ihres Gatten früher in Chicago gelebt, wo ihre Schwiegermutter eine Agentur für den Export von Nähmaschinen besessen, das Geschäft jedoch aufgegeben habe, um wegen Franks Kränklichkeit die besten New Yorker Ärzte zu konsultieren.
Nach dieser Richtung hin war ich also völlig orientiert, und doch mußte ich mir im Gespräche mit der hübschen Frau oft den größten Zwang anthun, um sie mit indiskreten Fragen über Dinge nicht zu belästigen, die mich von rechtswegen und auch rücksichtlich Miß Emmersons Gebot ganz und gar nichts angingen. Warum kam die Familie Newland gerade in der heißesten Zeit nach New York, welches dann außer den Geschäftsleuten alle anderen Menschen fliehen? Was that eigentlich dieser intelligent und schlau aussehende Mr. Fowler, und womit beschäftigte sich den lieben langen Tag der von seiner besseren Hälfte, wie ich wahrgenommen, so vergötterte Franky, indem er stets erst nach Sonnenuntergang das Haus verließ und das immer nur allein?