Wer konnte es mir verdenken, daß ich als thätiger Mann solch seltsame Verhältnisse mir nicht recht zu erklären vermochte! Während dieser 14 Tage war es mir auch nur ein einziges Mal vergönnt gewesen, den Gatten meiner Tischnachbarin zu sprechen; das heißt, wir trafen uns eines Abends, als ich von einem Spaziergange nach Hause zurückkehrte, auf der Treppe. Da ich ihn sofort erkannte, redete ich ihn freimütig an.
Das helle Licht der im Hausflur brennenden Gasflamme beleuchtete dabei grell sein schmales, auffallend edel geformtes Gesicht und ließ mich in ein Paar sehr ernste, fast finstere Augen schauen. Deutlich merkte ich, daß er mir auszuweichen suchte; doch hartnäckig vertrat ich ihm den Weg und sagte ihm rasch einige bedauernde Worte über sein Leiden. Nur lässig zuckte er die Achsel mit der kurzen Bemerkung: »Sehr gütig, Sir!«
Darauf erging ich mich in Lobeserhebungen über seine schöne, geistreiche Frau, hoffend, eine eifersüchtige Regung würde ihn vielleicht aus seiner stoischen Ruhe aufrütteln. Doch vergebens! Er freue sich sehr, daß Mrs. Newland angenehme Unterhaltung bei Tische gefunden, lautete die abweisende Antwort. Dann lüftete er den Hut und ließ mich stehen.
»Welch ein seltsamer Mann!« dachte ich, zwar halb ärgerlich, trotzdem aber von dieser Erscheinung angesprochen. Immer deutlicher trat daher die Überzeugung an mich heran, daß ich hier vor einem Rätsel mich befand.
Eines Morgens nach dieser Begegnung empfing mich mein Partner, Mr. Haberton, ein sonst kühler und stiller Geschäftsmann, in der Office mit sichtlich aufgeregter Miene, indem er mir sofort sechs Stück Zwanzig-Dollars-Scheine vor die Augen hielt und zornig heraussprudelte: daß dies jämmerliche Falsifikate seien, daß wir auf eine nichtswürdige Weise um 120 Dollars betrogen worden, und daß einer seiner Clerks ihm soeben erzählt habe, während der letzten Tage seien mehrere ähnliche Fälle in New York vorgekommen und die City müsse einmal wieder mit falschen Greenbacks (Kassenscheinen) überflutet sein.
Angenehm erschien mir dieses betrübende Faktum keineswegs, da ich bei diesem kleinen Verluste natürlich selbst beteiligt war. Allein wenn ich von Natur nicht ein realistisch angelegter, dabei höchst aufgeklärter Mensch wäre, so hätte ich mich in diesem Momente beinahe auf spiritistischem Gebiete ertappt. Denn – plötzlich sah ich in meiner Einbildung – dort über dem kahlen Schädel Mr. Habertons – das schöne, todestraurige Gesicht von Frank Newland auftauchen, nur mit dem Unterschiede, daß die ernsten Augen sich jetzt in einem flehenden Ausdruck auf mich richteten. Dieses sonderbare Vermengen des Wirklichen und Phantastischen meinerseits ließ mich – vielleicht nach meines Partners Ansicht – wohl höchst stupid und gleichgültig dreinschauen. Denn er faßte mich nun ein wenig unsanft bei der Schulter und rief:
»Sie müssen ein Krösus sein oder Sie kennen den Wert des Geldes bei uns noch nicht genau, mein lieber Mr. Berken! Denn 120 Dollars wirft wohl keiner gern umsonst zum Fenster hinaus!«
Erschreckt fuhr ich auf. Unsinn! Nicht die Spur eines fremden Gesichts war mehr zu schauen. Ich war ein Narr.
»Mein lieber Mr. Haberton!« erwiderte ich daher rasch mit der verzweifelt traurigsten Miene, die ich nur anzunehmen vermochte. »Der Schreck über unseren Verlust machte mich ganz sprachlos. Der Kukuk soll alle Falschmünzer Amerikas holen, und wenn ich mich von einem solchen Halunken je wieder über den Löffel barbieren lasse, so will ich nicht mehr wert sein, ein Partner der Firma Haberton & Comp. zu heißen!«
Er schien zufrieden, und im Laufe des Gespräches erfuhr ich dann noch, daß schon vor mehreren Wochen die Polizei einer großen Falschmünzer-Gesellschaft, welche aus einer völlig organisierten Bande bestehen sollte, in St. Louis auf der Spur gewesen. Doch die Schlauköpfe der Spitzbuben sind oft pfiffiger als die Schlauköpfe des Gesetzes, und so wäre denn das vorsichtig umstellte Nest der sauberen Vögel doch leer und von ihnen verlassen gefunden worden. Man spräche indes viel darüber, daß das Haupt dieser Koterie ein Frauenzimmer sei, welches mit wahrhaft genialer Geschicklichkeit die feinsten Fäden ihres Einflusses bis in alle Staaten zu spinnen verstände und ihre Verbindungen in Kreisen haben solle, wo kein Mensch einen Falschmünzer zu suchen wage.