Ich glaube, daß ich an diesem Vormittage recht zerstreut bei der Arbeit war und wirklich Gott dankte, als ich die steinernen Stufen zu Miß Emmersons Boardinghouse emporsteigen durfte.
Bei Tische überschaute ich mir sinnend die Gesichter der Familie Newland. Kerzengerade saß die Alte auf ihrem Platze. Wieder umrauschte eine schwere Robe ihre Gestalt, während ein feines Spitzengewebe auf ihrem noch dunklen Scheitel lag und mehrere prächtige Solitäre die Finger schmückten. Doch als ich mir gerade diese starkknochigen, unschönen Hände näher betrachtete, mit denen sie eben die Speisen zum Munde führte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieses Mannweib, bevor der Bruderkrieg der Union entflammte, sehr wohl eine jener gefürchteten Sklavenaufseherinnen der Südstaaten hätte sein können, die, mit der eisenbeschlagenen Hetzpeitsche in der Hand, ihre unseligen Opfer in Zucht und Ordnung gehalten.
Unangenehm berührt durch solchen Ideengang, wandte ich mich den liebreizenden Zügen meiner jungen Nachbarin zu. Sie lächelte mich heute ein wenig traurig an und meinte, daß Franky sich gar nicht recht frisch und heiter befände. Die Langeweile, zu der ihn die Ärzte verdammt, sei doch gar zu geisttötend.
»So lesen Sie ihm doch vor, Madame!« warf ich freundlich beschwichtigend ein.
»O, er haßt ja alle Lektüre, außer Zeitungen, und darin stehen doch immer die meisten Lügen!« entgegnete die schöne Frau halb trotzig.
»Nicht immer, Mrs. Newland!« sagte ich dabei sehr ruhig, aber ernst, und hob mein Auge langsam zu dem ihren. »Der ›New York Herald‹ wird zum Beispiel in den allernächsten Tagen recht interessante Entdeckungen offenbaren, die keinesfalls der Phantasie eines eifrigen Zeitungs-Reporters entsprungen, sondern der Wirklichkeit entnommen sind.«
Und völlig unbefangen erzählte ich ihr darauf von unserem kleinen Geldverluste und den Mitteilungen Mr. Habertons.
Im nächsten Augenblicke jedoch bereute ich das eben Gesagte schon aufs tiefste. Denn die Veränderung, welche nach meinen Worten in Mrs. Newlands Zügen sich ausprägte, war eine so entsetzliche, ja beängstigende, daß ich selbst ganz verwirrt davon wurde und beinahe hilflos verlegen stotterte: ob sie sich nicht wohl fühle? Das sonst so weiße und rosige Antlitz war für mehrere Minuten von einer fast bleigrauen Blässe überzogen. Die Augen starr und ausdruckslos auf einen Punkt gerichtet, die Lippen krampfhaft zusammengepreßt – so lehnte das schöne Geschöpf im Sessel.
»Nein – nein – ja – die Hitze bringt mich um!« stöhnte sie, mit vieler Mühe sich ermannend, indem sie halb mechanisch nach dem vor ihrem Platze stehenden Eiswasser langte.
Zuvorkommend und selbst äußerst erschreckt, reichte ich ihr das Glas, woraus sie hastig einige Schlucke des kühlenden Getränkes hinunterstürzte. Dann – es war bereits gegen Ende der Mahlzeit – schob Mrs. Newland mit sichtlicher Kraftanstrengung den Stuhl zurück und erhob sich.