»Ich muß mich leider hinaufbegeben; etwas Migräne, die mich zuweilen in schwülen Zimmern befällt –, weiter ist es nichts. Gute Nacht, Mr. Berken! Bitte, thun Sie aber dieses Vorfalls gegen niemanden Erwähnung!«
Jetzt traf mich ein wahrhaft flehender Blick der blauen Augen. Darauf schlüpfte die graziöse Gestalt flüchtig und noch geräuschloser als sonst aus dem Zimmer. –
Die nächsten acht Tage ging ich einher, wie jemand, der sich vielleicht mit einem großartigen Wagstück herumträgt und nicht recht zu einem festen Entschlusse gelangen kann, auf welche Weise dasselbe auszuführen sei. »Thun Sie aber dieses Vorfalles gegen niemand Erwähnung!« hatte Mr. Frank Newlands Gattin mir bittend zugeflüstert. Die Zunge hätte ich mir lieber abbeißen mögen, ehe ich nur eine Silbe von dem verraten, was seit jenem Abend – ja seit dem Morgen, als Mr. Haberton mir in der Office die falschen Banknoten gezeigt, in meinem Innern vorging. Jeder andere, selbst meine alte Freundin Miß Kathe, wenn ich ihr das zu jenem waghalsigen Unternehmen bereits eingesammelte und notwendige Material mitgeteilt, würde mich auch sicher gründlich ausgelacht und abwehrend etwa geäußert haben: »Mein Bester, das sind deutsche Thorheiten! Wer Schmutz anfaßt, der darf sich nicht wundern, wenn etwas davon an den Händen kleben bleibt!« – Doch einerlei! Was ging mich die amerikanische Herz- und Gefühllosigkeit hinsichtlich unserer Mitbrüder an, wo eine innere Stimme mich unwiderstehlich antrieb, in das dunkle Geschick zweier Menschen, die mich sympathisch anzogen, einzugreifen – zu helfen – zu retten, solange es noch Zeit war. – –
Die Familie Newland schien seit den allerletzten Tagen sich in sonderbarer Erregung oder Erwartung zu befinden. Mr. Fowler war höchst wenig zu sehen und schien dringende auswärtige Geschäfte zu besorgen. Dafür aber saßen seine Gattin und Schwiegermutter, mit Sorge und Ungeduld der Rückkehr des Abwesenden harrend, oft bis gegen elf Uhr abends auf dem Balkon.
»Wir lieben es, die erfrischende Nachtluft zu genießen,« hatte die zarte junge Frau einmal mit süßem Lächeln zu Miß Emmerson geäußert, und niemand störte sie darin.
Mittlerweile brachten die New Yorker Zeitungen, wie ich bereits vorausgesagt, wirklich eine Menge haarsträubender und mitunter auch lächerlicher Artikel über den mutmaßlichen Aufenthalt der gefährlichen Falschmünzergesellschaft, welche an Falsifikaten schon ein Kapital in Umlauf gesetzt haben sollte, das bereits mehr denn eine Million repräsentiere. Einerseits hieß es: das Haupt der Sippe befände sich völlig ungeniert und seelenvergnügt in unserer City; andererseits lauteten die Berichte, daß die so schlaue, vielleicht auch nur mythenhafte »Dame« sich in Chicago aufhielte. Auf jeden Fall aber hoffe die Polizei, dieses Mal einen brillanten Fang zu thun und ihrer wirklich habhaft zu werden.
Meine junge Tischnachbarin hatte seit jenem Migräneanfall jetzt oft so sonderbar rote und geschwollene Augen, und das reizende Kinderantlitz dünkte mir auch schmäler geworden, als ob irgend ein Gram oder heimliches Weh an dem Herzen des lieblichen Geschöpfes nage. Sie sprach wenig und aß fast nichts.
Dagegen machte ich die Entdeckung, daß sie mit ihrer Schwiegermutter auf höchst gespanntem Fuße zu leben oder – richtiger gesagt: unter dem Despotismus dieser Frau zu leiden schien. Bestärkt wurde ich noch in meiner Idee, als ich beim Vorüberschreiten an Mr. Franks Zimmer, welches, wie diejenigen seiner Mutter und Schwester, in der ersten Etage des Hauses lag und dessen Thür ein wenig offen stand, – einmal, ohne im mindesten lauschen zu wollen, die harte Stimme des mir so widerlichen Weibes zu ihrem Sohne deutlich sagen hörte:
»Und wenn Du Dich hier am Boden zu meinen Füßen winden würdest, ich gebe Dir dennoch die Freiheit nicht zurück, weil das Wohl und Wehe eines einzigen gegen die Existenz und Sicherheit von uns allen nicht in Betracht kommt. Wir brauchen Dich und das genügt!«
»Und darüber wird Frank zugrunde gerichtet! Siehst und fühlst Du denn das nicht, Mama?« vernahm ich jetzt auch die fast schluchzende Stimme meines kleinen, blonden Lieblings. Wie erstarrt zögerte ich einen Moment.