»Gut; dann geht er eben zugrunde, wenn er eine Memme – ein Feigling ist!« klang es nochmals aus dem Munde dieser Mutter zurück.
Dann stürmte ich, Abscheu und Wut im Herzen, die Treppe hinan nach meiner Wohnung. – –
Am selben Nachmittage kam ein feingekleideter, gut aussehender älterer Herr ins Haus und wünschte Miß Emmerson zu sprechen. Zufällig war ich selbst mit unserer Hauswirtin im Parlour anwesend, welche mich lächelnd bat, dazubleiben.
Nicht umsonst hatte ich die Carriere eines Advokaten in diesem Lande absolviert, um in dem Eintretenden nicht sofort den Detektiv der Geheimpolizei zu vermuten. Ein scharf prüfender Blick seines dunklen Auges glitt im Nu auch über meine unbedeutende Person herab. Doch als Miß Kathe ihm meine Beziehungen zu der Firma Haberton & Comp. genannt, wurde mir augenblicklich ein sehr verbindliches: »How do you do, Sir?« zu teil, und nun erst rückte der Besucher, wenngleich noch immer vorsichtig, mit seinem Anliegen an den Tag. Miß Emmerson solle sein zudringliches Erscheinen nicht etwa übel deuten, meinte er, Platz nehmend, wobei er den großen Diamanten an seinem kleinen Finger im Lichte der durchs Fenster dringenden Sonnenstrahlen spielen ließ. Allein, wie manche Erfahrungen bereits bewiesen, befänden sich Persönlichkeiten, deren Antecendenzien mit dem Wortlaute der Gesetzbücher oft nicht recht übereinstimmten, zuweilen vorzugsweise in den allerfeinsten und fashionabelsten Boardinghäusern, um soviel als möglich den äußeren Schein zu wahren und jeden Verdacht von sich abzulenken. Er müsse so unbescheiden sein und um die Namen und Berufsarten ihrer Hausbewohner bitten.
Miß Kathe machte trotz dieser glatten Worte ein höchst empörtes und wütendes Gesicht und rief in der ihr charakteristischen, etwas derben Trockenheit: ihr Haus berge glücklicherweise nur äußerst respektable Leute, und wenn dem Herrn ihre Aussage nicht genüge, so fordere sie ihn auf, heute abend das Diner mit sämtlichen Gästen einzunehmen, was sicher den Beweis führen würde, daß er dieses Mal auf gänzlich falscher Fährte sei.
Herr des Himmels, welche Unvorsichtigkeit von Miß Kathe! Dieselbe entsprang einzig ihrem völlig unbefangenen Gemüte, dachte ich entsetzt, und stand wie auf Kohlen in meiner Fensternische, in die ich mich zurückgezogen hatte. Wenn dieser Spürhund etwas davon erfuhr, daß Frank Newland die Gesellschaft so auffallend mied und allein auf seinem Zimmer speiste, wenn ...
Jetzt erschrak ich fast über meine seltsame Bangigkeit. War es denn möglich, daß ich selbst, ein Mann des Gesetzes, noch dazu ein Mensch, welcher jede lichtscheue That aus tiefster Seele verachtete, ja dessen Lebensaufgabe darin bestand, das gefährdete Recht, wo immer es galt, zu vertreten, daß ich also selbst für diesen unseligen jungen Verirrten und dessen Frau Partei nahm, – daß ich gegenüber der Sicherheitsbehörde New Yorks mich zu ihrem Schutze bereits aufzustellen gedachte, anstatt daß ich vor diesen Mann dort hintrat und ihm frank und frei alle Entdeckungen der letzten Tage offenbarte. Denn was ging mich schließlich dieser Frank Newland nebst seiner blonden Gattin an? Oder war diese mir selbst unerklärliche Sympathie für jene Menschen vielleicht doch etwa ein Wink von oben?
»Danke bestens, sehr verbunden, Miß Emmerson!« lautete indes zu meiner größten Beruhigung des Detektivs Antwort. »Ihre Versicherung genügt mir fürs erste, umsomehr, weil ich in meiner Stellung alles Auffällige vermeiden muß.«
Dann machte er sich einige Notizen in sein Taschenbuch und verließ mit aalglatten Bewegungen und sehr verbindlichen Verbeugungen gegen die Dame und mich das Parlour.
»Meinen Sie, Mr. Berken, daß es in der eben angedeuteten Beziehung mit den Newlands nicht recht geheuer ist?« fragte mich Miß Kathe, als wir jetzt allein waren, wobei ein etwas ängstliches Zucken ihre Mundwinkel umspielte. »Ich hielt sie bisher, das heißt die Männer, für Gambler (Spieler) von Profession, vielleicht auch für Leute, die auf irgend eine Patent-Medizin reisen oder dergleichen, jedoch hinsichtlich des guten Rufes meines Hauses für völlig harmlose Kreaturen. Ihnen aber traue ich wohl eine Portion Menschenkenntnis zu. Nun, was meinen Sie, Mr. Berken? Es thäte mir wirklich leid, wenn ich den Newlands aufkündigen müßte und meine Zimmer, voraussichtlich bis in den September hinein, leer ständen.«