»So sagen Sie ihm doch, daß Sie alles wissen – in alles eingeweiht sind und den ganzen großen Jammer unserer Existenz entdeckt haben, Mr. Berken!«
Da drang es wie ein schlecht unterdrückter Wutschrei über des Mannes Lippen, der drohend die Faust nach dem lieblichen Haupte emporhob.
»Maud, – Unselige! Du hast uns verraten!«
»Nein, Mr. Newland, Sie irren!« sagte ich, jetzt dicht an ihn herantretend und mit festem Druck sein Handgelenk umspannend. »Der bloße Verdacht allein ist schon eine Kränkung für Ihr treues, opfermutiges Weib. Nicht sie hat den verhüllenden Schleier von dem düsteren Bilde Ihres Daseins hinweggezogen, nicht Ihre Gemahlin hat mir die traurige Wahrheit entdeckt, sondern mein eigenes warmes Interesse für ein Paar bedauernswerte junge Menschen ließ mich Schritt für Schritt dem ersten leisen Verdachte, den schon jener ominöse Koffer dort anregte, weiter nachforschen. Auch nicht um Unheil zu stiften, Mr. Frank Newland, wie Sie soeben voraussetzten, – nein, einzig nur aus dem Grunde, um im Augenblicke höchster Gefahr – und solche ist jetzt vorhanden – zu retten und zu helfen!«
Er riß sich von mir los und rannte, mit beiden Händen den Kopf umfassend, einigemal wie rasend durch das Zimmer.
»Wo – wo ist Gefahr? Wer sagt das? Wer bürgt mir dafür?« rief er heiser.
»Frank! Du selbst weißt es ja – kennst das drohende Gespenst der Verfolgung, welches Tag und Nacht über uns schwebt; weißt auch, was für ein Mensch vor kaum einer Stunde bei Mrs. Emmerson Nachfrage hielt, weißt ferner, daß der Boden unter unseren Füßen bereits wankend geworden!« mahnte die junge Frau mit todesbleichem Gesicht. »Nur Mut und rasche Entschlossenheit, Geliebter, und wir entfliehen dieser schauerlichen Existenz, die ich verabscheue, die entwürdigend für uns ist! Zeige, daß Du ein Mann bist, Frank – ein Mann, der, dieser empörenden Tyrannei anderer müde, sein besseres Ich herauswindet aus einer Bergeslast von Lug und Trug. O! arbeiten und Dir beistehen will ich ohne Murren und Klagen Tag für Tag, um uns ein neues Heim zu schaffen!« fuhr die junge Frau mit überzeugender Wahrheit und bewundernswerter Beredsamkeit fort, – »ein stilles, friedliches Heim, welches allein uns gehört und worüber der dort oben wachen soll, den wir so lange Zeit vernachlässigt haben! Frank, wenn Du mich wahrhaft liebst, so folge diesem da, der es gut und ehrlich mit uns meint!«
Überwältigt durch den Schmerz der hervorbrechenden Gefühle sank die schöne Frau zur Erde nieder und umfaßte leidenschaftlich des Gatten Knie. Ein Moment war das, der mich aller Zweifel und aller in mir sich regenden Ungewißheit überhob. Jetzt wußte ich, daß der wunderbar stürmische Drang in mir, diesem jungen Paare meine Hilfe zu bieten, höheren Ursprungs war. Alle Bedenken, gerade durch diese Hilfe mich einer ungesetzlichen, ja vielleicht gar strafbaren Handlung schuldig zu machen, zerflossen bei dem Anblicke in ein Nichts.
»Mr. Frank Newland! Ich sehe, daß die Liebe zu Ihrer Frau bei Ihnen größer ist, als zu sonst irgend etwas auf Erden, und daß diese Liebe Ihnen dazu verhelfen wird, selbst das Schwerste zu überwinden!« sagte ich mit einer Stimme, die die eigene tiefe Bewegung deutlich verriet. »Wollen Sie fortan bedingungslos sich meiner Führung anvertrauen? Die Zeit ist kurz. Jetzt gilt nur ein schnelles Entweder – Oder!« Wie Wetterleuchten zuckte es über sein bleiches Gesicht. »Zerreißen Sie mit fester Hand jenes unwürdige Band, welches Sie noch an die Vergangenheit knüpft, – schauen Sie dafür mutig und mit Gottvertrauen in eine lichtere, hoffnungsreiche Zukunft!«
Ungestüm hatte er, während ich sprach, die liebliche Gestalt zu sich emporgezogen. Eine Weile hielten die Gatten sich umschlungen.