»Der Fluch der Mutter, – grimmiger Haß von allen, die mir bisher vertraut haben, – ja, ein Leben der Not und Entbehrung, – das ist es, was uns sicher erwartet, wenn ich diese Fesseln sprenge! Würdest Du Dich auch klagelos und willig einem vielleicht noch härteren Geschicke beugen, meine Maud?« fragte der junge Ehemann so zärtlich und weich, wie man nur zu einem Kinde redet.

Ein kaum unterdrückter Jubelschrei stieg aus der Gefragten Brust.

»Und wenn dieser Schritt meinen Tod bedeutete, ich könnte nicht ruhiger und beglückter darüber sein, daß Dein Widerstand endlich gebrochen ist und Du heimlich mit mir von dem Schauplatze unserer Leiden verschwinden willst, Frank!« rief sie neu belebt und zitternd vor Erregung, indem sie aus den sie umschlingenden Armen sich befreite und wieder zu mir herüber eilte.

»Jetzt aber rasch zum Entschluß, Mr. Berken! Was soll geschehen? Bestimmen Sie über uns!« flüsterte sie mir hastig zu.

Allein auch der vor kurzem noch so verschlossene und so schroff und starr abweisende junge Mann reichte mir jetzt, wenngleich mit einem Ausdruck bitterer Trauer, seine Hände entgegen, in die ich freudig einschlug.

»In spätestens einer Stunde werden Sie New York im Rücken haben und sich auf dem Wege nach Kanada befinden,« erwiderte ich ernst und sehr bestimmt, während beide mir mit ängstlicher Spannung lauschten. »Spurlos noch ehe die Untersuchungen in jener traurigen Angelegenheit weiter fortschreiten, müssen Sie und Mrs. Newland von der hiesigen Bildfläche verschwinden, als ob der Sturm Ihre Namen hinweggeweht. Fort – vergessen! Miß Emmerson sagen Sie indessen, daß Sie anläßlich einer wichtigen Depesche mit Ihrer Frau auf acht Tage zu verreisen gezwungen wären! Das genügt. Packen Sie also die nötigste Garderobe und Wäsche in einen nicht zu großen Koffer. Alle Ihre Sachen mitzunehmen, darauf müssen Sie leider verzichten, weil das vielleicht Verdacht erregen könnte. Dann benutzen Sie den nächsten Zug nach Montreal! Fürs erste jedoch, Mr. Newland,« – fügte ich, indem ich jenem ominösen Koffer ganz nahe trat, ein wenig zögernd und sehr leise hinzu – »schaffen Sie den gefährlichen Inhalt dieses Riesen schleunigst aus der Welt!«

Er zuckte jäh zusammen und stotterte in höchster Verwirrung, während eine fahle Blässe sein Gesicht überzog.

»So wissen Sie? – nein, nein, das darf ich nicht thun, – die Mutter ...!«

»Sie dürfen auf niemanden Rücksicht nehmen! Denn ich ahne wohl, daß hierin die schlagendsten Beweise zur Überführung einer gar schlimmen Schuld für Sie enthalten sind, mein armer, bethörter Freund!« versetzte ich freundlich. »Und diese Beweisstücke müssen unter allen Umständen vertilgt sein. Dort drüben ist der Kaminofen. Was irgend brennbar ist, – hinein in ein flackerndes Feuer. Das übrige packen Sie in eine schlichte Reisetasche, die Sie mit sich nehmen und wie aus Versehen im Gedränge auf dem Bahnhofe stehen lassen! Dann erst werden Sie frei sein gleich dem Vogel in der Luft. Das leere Ungetüm hier wird nichts mehr verraten und grabesstumm bleiben. Sie sehen, mein Plan ist gut und könnte wahrlich der Intelligenz eines Amerikaners alle Ehre machen,« fügte ich ermutigend hinzu. Denn es entging mir nicht, wie hastige, schwere Atemzüge über seine Lippen stießen und er sichtlich zu kämpfen schien, mir mit neuen Einwendungen entgegenzutreten.

»Und wohin sollen wir Ausgestoßenen, denen das eigene Vaterland nicht mehr Raum und Schutz zu bieten vermag, uns wenden?« fragte er herb. »Welche Aussichten, welcher Erwerb bietet sich uns auf englischem Boden? Ich bin völlig fremd in Kanada, – habe nicht die geringsten Verbindungen ...«