»Eben deshalb ist es nötig, daß Sie dorthin Ihre Schritte lenken, Mr. Newland!« gab ich ihm tröstend zurück. »Gerade dort, wo Sie fortan leben werden, sollen Sie ein Fremder sein; auch sogar den Namen, den Sie jetzt führen, müssen Sie hier zurücklassen!«

Bei diesen Worten stieg abermals eine dunkle Röte dem Unglücklichen über die Stirn und finster, aber leidenschaftlich rief er:

»Der Name Newland gehört mir von Rechts wegen gar nicht. So hieß nämlich der zweite Gatte meiner Mutter, der vor einem Jahre starb und dessen verhängnisvolles, grausiges Vermächtnis eben jener Koffer dort ist mit allem, was darin sich befindet und daran sich knüpft – ein Vermächtnis, das gleich einem Fluche auf uns lastet. Man soll den Toten nichts Schlimmes nachsagen. Allein noch im Grabe verabscheue ich jenen Mann, der sich erkühnte, mein Stiefvater zu heißen. ›Welch eine Erscheinung!‹ hätten auch Sie bei seinem Anblick sicher ausgerufen. Im Äußeren glich er einem Heroen an Größe, Körperkraft, wie auch an Geist. Bestechend und verführerisch klang jedes Wort, mit dem er in die ahnungslose Menschenseele sich einzuschmeicheln verstand. Doch wer ihm unterlag, der saß fest in den Fangarmen des Teufels. Ein dämonischer Tyrann war er und hat meine unselige Mutter zu dem gestempelt, was sie jetzt ist, – zu einer geldgierigen Megäre, die heute noch einzig nur in den Fußstapfen des ihr teuer gebliebenen Verblichenen wandelt. Aus mir aber ...« – tief schöpfte er Atem – »aus mir hat er einen der routiniertesten, gefährlichsten Falschmünzer Amerikas gemacht, – ha, ha, ha! Das war ein Meister, wie es keinen zweiten giebt!«

»O Franky! So lasse doch die alten Erinnerungen!« bat meine kleine blonde Freundin zärtlich, indem ihr die hellen Tropfen über das süße Gesicht herabrieselten.

»Nein, nein! Jetzt muß ich reden!« erwiderte der junge Mann heftig. »Sie, Mr. Berken, sollen wenigstens erfahren, daß ich zu solch schmachvollem Berufe verführt – gezwungen wurde, daß nicht die Gier und die Lockungen nach mühelos erworbenen Schätzen mich dazu verleiteten! Beim Allmächtigen, der sich gnädig meiner erbarmen möge, – ich habe den schnöden Mammon stets gehaßt! Denn er allein ist der Satan, der die Menschheit verdirbt und erniedrigt! Was spreche ich doch von mühelos erworbenem Gelde? Wer hat gearbeitet Nacht um Nacht über Wagstücken, die oftmals doch mißlangen? Wer hat die Schweißtropfen saurer Mühe hergeben müssen für solches Teufelswerk? Ich war's – ich that's, Mr. Berken, weil ich zu schwach – zu feige war, mich loszureißen! Geknirscht und geflucht habe ich oft in ohnmächtigem Zorne. Doch der böse Blick der Mutter, in welchem ich noch fortdauernd den Dämon meines verfehlten Lebens – den Meister – den Stiefvater zu schauen wähnte, – er hielt mich gleich einem Knechte in Zucht und Banden! Aber das Maß ist voll, – länger ertrage ich es nicht!« rief er fast schluchzend. »Um ihretwillen, die mein Licht und Trost ist,« – das sterbensmüde Auge traf der Gattin aufstrahlendes Gesicht, »um ihretwillen reiße ich das Band, was mich an diejenige bindet, die mich geboren, in Stücke!« Ich schaute nach der Uhr und fragte, in der Absicht, ihn von dem schmerzlichen Thema abzulenken:

»Darf ich den Wagen für Sie bestellen, Mr. Newland?«

Wie aus tiefem Sinnen fuhr er auf und nickte halb gedankenvoll:

»Ja, ja – den Wagen – fort!«

»Auch möchte ich Ihnen hier noch eine Adresse für Montreal überreichen, Mr. Frank? ... Ja, wie ist denn Ihr wirklicher Name?«

»Wilson!« entgegnete er kurz.