»Also, Mr. Wilson! Ein sehr intimer Freund von mir, ebenfalls ein Deutscher, hat dort eine renommierte und gesuchte Law-Office (Rechts-Bureau). An diesen ganz vortrefflichen Mann habe ich Sie als tüchtigen, intelligenten Arbeiter empfohlen, da ich durch Ihre Gemahlin weiß, welch gründliche Bildung Sie genossen, und daß ein Wissen in Ihnen steckt, wie junge lebenslustige Amerikaner es sich sonst selten anzueignen pflegen. Ein Wort von mir genügt, Ihnen den Anfang zu einer vielleicht sehr lukrativen Laufbahn zu eröffnen, und gingen Sie somit im Auslande keiner allzu trüben Zukunft entgegen. Die Hauptsache ist natürlich, daß Sie mit Lust und Energie einen Ihren Kenntnissen angemessenen Beruf ergreifen.«
»Mein Gott, das ist zu viel, – das bin ich nicht wert!« stöhnte der Überraschte kopfschüttelnd. Es zuckte dabei aber doch ganz seltsam freudig um seinen Mund.
Meine kleine blonde Freundin schlug indes die Hände vor das Gesicht und schluchzte laut.
»Haben Sie das nötige Reisegeld?« forschte ich, durch nichts beirrt, mit der ernsten, trockenen Stimme eines Inquirenten weiter, obgleich mir selbst vor innerer Bewegung der Ton im Halse stecken zu bleiben drohte.
Eine lange Pause erfolgte. Dann zog Mr. Frank Wilson mehrere 50 Dollar-Billets aus seinem Taschenbuche, zündete am Tische eine Kerze an und hielt, ohne zu sprechen, noch zu zucken die Banknoten darüber, daß alsbald die hellen Flammen um seine Finger spielten.
»Ist denn der Mensch toll geworden!« hätte bei diesem seltsamen Gebahren ein anderer vielleicht gedacht und solchen Frevel zu vereiteln gesucht. Ich aber rührte mich nicht von der Stelle. Denn gerade jenes anscheinend kopflose Experiment redete für mich eine stumme Sprache. Das, was dort eben in Rauch aufging, waren ja auch nur elende Falsifikate; Lug und Trug war es –, die schauerlichen Früchte seines arbeitsschweren Daseins, an denen, wie er selbst gesagt, die Schweißtropfen saurer Arbeit hingen! Armer Frank! So kurz und straff hielt diese entsetzliche Mutter ihren einzigen Sohn im Zügel, daß sie ihm nicht das nötigste Geld zur Verfügung stellte – aus Angst, er könne doch endlich einmal ihrer Tyrannei heimlich entfliehen! In diesem Augenblicke überkam es mich wie eine wahre Wollust, jenem entmenschten Weibe einen Streich spielen zu können.
Mit zu Boden gesenkten Wimpern stand der Bedauernswerte vor mir. Welch beschämende Gefühle mochten in ihm sich regen! Daher schritt ich rasch an ihn heran und legte meine Rechte sanft auf seine Schulter.
»Lassen wir Vergangenes ruhen, mein Freund! Ich begreife und verstehe alles und beklage Sie tief. Und doch ist es am Ende besser so, damit Sie mit Ihrer Flucht aus New York niemandem – verstehen Sie wohl: niemandem mehr verpflichtet sind. Hier, Mr. Frank Wilson, lege ich 500 Dollars auf den Tisch, als ein Darlehen, was hoffentlich zum Beginn einer neuen Existenz ausreichen wird! Sie werden arbeiten und später guten Verdienst haben, davon bin ich überzeugt.«
Abwehrend erhob er seine Hände.
»Nun, was wollen Sie?« setzte ich schnell und lächelnd hinzu. »Ohne Geld kann man nicht reisen, und bleibt Ihnen somit gar nichts anderes übrig, als meine Hilfe anzunehmen. Im übrigen bin ich auch weit davon entfernt, diese Summe als verloren zu betrachten. Denn fürs erste bin ich selbst durchaus kein reicher Mann, und zweitens weiß ich ziemlich sicher, daß Sie die kleine Schuld mir nach und nach zurückzahlen werden. Sind Sie demnach mit diesem Geschäfte zufrieden?«