Tage und Wochen vergingen. Die Gräfin richtete sich in dem einfachen Pfarrhause ein, der Arzt mußte sich's gefallen lassen in der kleinen Dorfschenke zu leben. Der Zustand des Kranken änderte sich wenig. Ein zweiter Arzt war aus der naheliegenden größern Stadt verschrieben worden, auch er schüttelte den Kopf und gab wenig Hoffnung, sprach von Gehirnerschütterung und Rückenmarksverletzung, und prophezeihte im günstigsten Falle bleibenden Blödsinn. Seine traurige Weissagung schien sich in der That erfüllen zu wollen, denn die Körperkräfte des Kranken fingen an sich zu heben, Schlaf und Appetit stellten sich wieder ein, von Tag zu Tag besserte sich sein Aussehen, nur das Bewußtsein blieb erloschen. Mit tiefem Schmerze geleitete ihn nach Monaten Czinka zum ersten Male wieder in den kleinen Garten, er erfreute sich an der Rosenpracht wie ein unmündiges Kind sich an den Lichtern des Weihnachtsbaumes freut, er griff nach den Blumen, um sie entzückt zu betrachten und dann nach einer Weile seufzend wieder fallen zu lassen. – Sanft und geduldig war und blieb er gegen seine Pflegerin, aber mit unendlichem Weh mußte Czinka gewahren, daß er die Schwester des Pfarrherrn mit nicht minderer Freude begrüßte als sie selbst, und ihr oft den Namen Czinka gab, während er sie Therese nannte. Die Vergangenheit schien für ihn auf ewig in die Nacht der Vergessenheit versunken, die Gegenwart kaum mehr als ein Traum, eine Zukunft war für ihn gar nicht da. Nur in den Abendstunden, wo auch das Unglück geschehen, überfiel den Kranken eine seltsame Unruhe, er sprach dann von seiner Abreise, rief den Namen seines Weibes mit zärtlichster Sehnsucht, und konnte nur beruhigt werden wenn Czinka ihn in ihre Arme nahm und seinen Kopf an ihre Brust lehnte. Dann saß er still Stunden lang, bis er endlich heiter lächelnd sagte:

»So – nun laß mich schlafen gehen!«

Sie sagte ihm gute Nacht, und bei diesem Scheiden sah er sie zuweilen noch mit einem Blicke an, der sie bis ins Innerste erbeben ließ: es leuchtete ja ein Etwas wie durch einen Schleier ihr aus diesen Augen entgegen, – eine ringende Seele die ihre fesselnden Bande zu lösen sich mühte. In heißem Gebet sank sie dann in ihrer Kammer auf die Knie und rief:

»Hilf ihm, hilf ihm, heilige Jungfrau!«

Czinka's Leben war jetzt völlig ausgefüllt von einer unablässigen Sorge und Pflege. Wie eine Mutter um ihr hülfbedürftiges Kind, so waltete sie um ihren Gatten. Sie trug dunkle, fast nonnenhafte Gewänder, und wer sie so schaffen und aus- und eingehen sah in dem Zimmer des Genesenden, oder ihr begegnete, wie sie ihn stützte und leitete, der hätte sie für eine jener edlen Gestalten aus dem gesegneten Orden der barmherzigen Schwestern halten müssen, die wie verkleidete Engel Gottes allezeit da zu finden sind, wo Noth und Elend ihre Seufzer zum Himmel schicken. – Schlummerte Alfred, so saß sie bei der schlichten Therese und plauderte mit ihr, oder begleitete auch wohl den würdigen Pfarrherrn auf seinen kurzen Spaziergängen, oder in die Hütten seiner Beichtkinder. – Trotz dieser, aus strenger Pflichterfüllung erwachsenden Thätigkeit, fühlte sie sich nicht ruhig und zufrieden. Der Gedanke an Anthony, der sie erwartete, der ihr vielleicht zum zweiten Male fluchte, quälte sie oft bis zur Verzweifelung. – Sie konnte ihm keine Nachricht von sich geben – sie wußte ja nicht, wohin er sich gewendet. Die furchtbare Angst daß er kommen möchte um sie hier – hier an dieser Stelle zu mahnen, ihr gegebenes Versprechen zu halten, fiel oft mit vernichtender Schwere auf ihre Seele. Was band sie auch noch an Alfred? Fühlte er einen Schmerz, wenn sie jetzt von ihm ging? – Hatte sie eine Entschuldigung, der Leidenschaft Anthony's gegenüber, wenn er jetzt käme und verlangte sie solle ihm zur Stelle folgen? – Sie mußte sich gestehen, daß sie keine hatte – aber dies Bewußtsein brachte ihr seltsamer Weise eine namenlose Qual. Tausendmal versuchte sie sich ein Leben an der Seite Dessen auszumalen, den ihre geliebte todte Mutter ihr einst als Gatten bestimmt – Tausendmal gedachte sie schaudernd der dunklen Prophezeihung der Großmutter – – vergebens, – ein einziger Blick auf ihren Gatten, der mit gedankenlosem Lächeln einen Blumenstrauß zerpflückte, – oder leise vor sich hin den Namen Czinka rief, genügte um in ihrem Herzen den Wunsch hervorzurufen bei ihm zu bleiben, bis sein Auge sich auf ewig schlösse. – – Mit fast fieberhafter Angst widersetzte sie sich dem Andringen der Aerzte, die Rückreise mit dem Grafen anzutreten, sie fürchtete Wien, sie fürchtete die größere Möglichkeit einer Begegnung mit Anthony. – Aber der Herbst kam, der Körperzustand des Kranken war fast der eines völlig Gesunden, täglich wiederholten die Aerzte ihren Rath, den Grafen nach Wien zurückzuschaffen, und als man der Gräfin endlich zu verstehen gab, daß man eine leise Hoffnung auf Wiederherstellung an die Rückkehr in bekannte Räume knüpfe, – da sah sie alle ihre Weigerungsgründe erschöpft, und mit stiller Verzweiflung gab sie eines Tages selbst den Befehl, die Reisewagen zu packen. – Der Abend, der dem gefürchteten Abschiede von diesem Friedensasyl voranging, war ungewöhnlich rauh und traurig. Der Kaplan hatte das Haus verlassen, um einem Sterbenden die letzte Labe zu reichen, seine Schwester Therese trug einer armen Wöchnerin die Abendsuppe hin, die beiden Diener packten, Czinka saß einsam neben dem Grafen, der, wie gewöhnlich ihre Hand in der seinen haltend, seinen Kopf an ihre Schulter lehnte. – Regen und Wind schlugen an die Fenster, die alten Kastanienbäume seufzten und ächzten, Raben flogen mit scharfen Geschrei um das Haus und die Lampe flackerte in der Zugluft bald hell auf, bald sank sie wie erlöschend zusammen. Im Ofen brannte ein kleines Feuer, denn es wehte schon wie Winterhauch durch die Räume, und bei dem scharfen Knistern des feuchten Holzes zuckte der Kranke oft schreckhaft zusammen. – Czinka war mit ihren Gedanken weit, weit weggezogen. Sie sah sich in dem Walde von Zircz – aber es war heller Frühling und junges Grün wohin sie schaute. Und sie saß auf dem moosigen Boden und Alfred Saldern saß neben ihr und wand schöne lange Ketten von geschliffenen Korallen um ihre Arme. – Ihre Augen leuchteten auf in der Erinnerung an dies reizende Geschenk! – Da griff plötzlich eine schlanke braune Hand über ihre Schulter weg nach dem rothen Schmucke: Anthony zerriß mit häßlichem Lachen die Ketten und die glänzenden Perlen rollten wie Blutstropfen in das Gras. Wie böse war sie ihm da gewesen! Und wie bald hatte sie dennoch Alles vergessen beim ersten Tone seiner seltsamen Geige. Dieser Ton – wahrlich er konnte Todte erwecken – – und Engel abtrünnig machen!

Czinka war es jetzt als hörte sie den unbeschreiblichen Ton von Czermaks Geige ganz deutlich in weiter Ferne, – ach, sie träumte ja – träumen ließ sichs gut von Anthony Czermak – er durfte nur nicht in Wirklichkeit da sein mit seinen wilden Feueraugen und seiner verzehrenden Leidenschaft! Horch – da spielte er die Rackoczy Nota – wie süß ist's doch so deutlich zu träumen! – Langsam und deutlich zog sie daher jene köstliche Melodie, mitten durch das Heulen des Sturmes! – Aber da – ewige Barmherzigkeit – da richtete sich Alfred Saldern heftig in ihren Armen auf und rief fieberhaft erregt: »Czinka, hörst Du nicht – es ist Anthony, der da spielt! Rufe ihn herein, mein Kind, freue Dich – wir haben ihn endlich gefunden!« – Nach diesen Worten sank er ohnmächtig zurück. –

Fast zwölf Stunden dauerte die Ohnmacht des Grafen, und während dieser ganzen Zeit des bangen Harrens lag Czinka fast ununterbrochen auf den Knien neben seinem Lager. Sie schien in eine nicht minder gefährliche Apathie verfallen zu sein als der Kranke selbst, – sie gab keine Antwort auf die dringenden Fragen der Aerzte und regte keine Hand zu irgend einer Hülfsleistung für den Ohnmächtigen. Nur wenn man Miene machte sie sanft aufzuheben, und ihr zuredete Ruhe zu suchen, fuhr sie wild empor und barg, heftig den Kopf schüttelnd, wie ein geängstigtes Kind ihr Gesicht in das Kissen des Lagers, auf dem ihr Gemahl ruhte. In der neunten Morgenstunde des folgenden Tages schlug der Graf die Augen auf. Czinka schrie auf: – ein Blick seligsten Erkennens war in ihre arme zagende Seele gefallen! – Der Kranke legte einen Augenblick die Hand auf die Stirn, dann sagte er ruhig:

»Ich bitte, mich eine Stunde mit der Gräfin allein zu lassen.«

Alle entfernten sich. »Wir haben ihn gerettet!« riefen die beiden Schüler Aesculaps triumphirend, und schüttelten einander die Hände.