Als die beiden Gatten sich nach einer fast dreistündigen Unterredung erhoben, sagte Alfred Saldern scheinbar ruhig, aber mit dem Ausdruck unendlichen Schmerzes um Mund und Augen:

»Gott segne Dich, daß Du mir Nichts verschwiegen. Wenn er nun kommen wird, so magst Du allein entscheiden zwischen uns. – Ich habe nicht vergessen daß Dich damals nur Anthony's Flucht in meine Arme trieb. Du hast mir viel gegeben – ich bin nicht undankbar – wenn er kommen wird so merke auf Dein Herz, Czinka, und Du sollst frei sein!« –

Wenige Stunden später reiste das gräfliche Paar ab, aber nicht nach Wien, sondern nach dem kleinen reizenden Gute S. in der Nähe Badens, wo Alfred seine Kinderjahre zugebracht und wo die Gräber seiner Eltern und Schwestern lagen.

Die Gräfin kam krank nach S. Sie erschien hinfällig und doch aufgeregt, reizbar und traurig. Der Arzt empfahl Ruhe. Der Graf verrieth die Sorgfalt eines zärtlichen Bruders. Stunden lang saß er an dem Ruhebette der jungen Frau und bewachte ihren Schlummer. Allein jene tiefe ernste Trauer, die nach jener langen Unterredung mit Czinka über ihn gekommen, wich nicht mehr von ihm und lag wie ein dunkler Schleier über all seinem Thun und Wesen. Sie sah ihn oft verstohlen lange an und wenn sie sich dann von ihm wendete, waren ihre Augen voll Thränen. – Sie lasen jetzt auch öfter zusammen, was sonst nie geschehen, er hatte sich erboten ihr vorzulesen und sie lauschte dem Laute seiner Stimme mit der Achtsamkeit eines Kindes, dem die Mutter Märchen erzählt. – Dagegen redeten sie jetzt weniger denn je mit einander, es war als ob ein unsichtbares Etwas zwischen ihnen stünde und jeden freien Austausch der Gedanken und Empfindungen hemmte. – Nicht das leiseste Zeichen ehelicher Zärtlichkeit erlaubte sich der Graf seiner Frau gegenüber, er küßte ihr nur zuweilen mit der Innigkeit eines Bruders die Hand, streichelte auch wohl einmal ihr Haar – das war Alles. Sie schien scheu und befangen in seiner Gegenwart, und doch war es immer als ob etwas wie Sonnenschein über ihr Gesicht flog, wenn er am Morgen in ihr Zimmer trat. Er ließ sich seine Bücher und sein Lieblingspferd aus Wien kommen, auch einige seiner Blumen, und richtete sich in der herbstlichen Einsamkeit des kleinen Schlosses allmählich ein als wolle er für alle Ewigkeit da bleiben. Auch einige Lieblingsmöbel der Gräfin kamen an, und ihr kleiner Papagei, mit dem man sonst so viele Stunden, träge im Sessel ruhend und mit den schönen Fingern am Käfig hin- und wiederstreifend vertändelt hatte. Der einen Sendung hatte man auch jenen geheimnißvollen Schrein beigefügt, der in Wien alle Zeit zu Häupten des Bettes der Gräfin gestanden. Der Graf ließ ihn in das kleine Schlafgemach Czinka's tragen. Sie bemerkte es erst am Abend und schrak zusammen. Als sie am nächsten Morgen ihren Gatten wieder sah, und er sie in gewohnter Weise fragte wie sie geschlafen, sagte sie ungewöhnlich lebhaft:

»Bitte, laß den Schrein aus meinem Zimmer wegnehmen – er steht da wie ein Sarg und bringt mich um den Schlaf!«

»Ich glaubte einen geheimen Wunsch von Dir zu erfüllen indem ich ihn kommen ließ,« antwortete er ruhig.

Sie sah ihn traurig an und wendete sich ab. – Am Nachmittage stand der Schrein geöffnet und leer mitten im Salon. Als der Graf von einem kurzen Spazierritte heimkehrend seine Gemahlin dort aufsuchte, lächelte sie ihm entgegen und rief:

»Laß nun den Sarg verbrennen oder mach' damit was Du willst, ich nahm den Inhalt heraus. Sieh da, was damit geschehen!«

Und ihn zum Kamin führend zeigte sie ihm noch den Rest eines verkohlten rothen Schuhes und einige verglühende Gold- und Silberflittern. – Er zuckte zusammen und sah sie fragend an, da sie aber schwieg, wandte er sich von ihr und ging einige Male heftig bewegt im Zimmer auf und nieder.

»Fühlst Du Dich wohler, Czinka?« fragte er nach einer Pause in ruhigem Ton und sah zu ihr herüber. Wie schön sie ihm erschien in diesem Augenblicke! Sie erinnerte ihn mehr als je an seine Lieblingsblume, die Purpurblüthe des Cactus Speciocissimus. Fremd und dunkel schaute ihr Antlitz aus den faltigen weißen Kleidern hervor, die längst wieder voll und lang gewordenen Flechten hatten sich verschoben und waren auf ihre Schultern herabgeglitten. Wunderbar! Der Blick, den sie jetzt auf ihn heftete, war nicht mehr jener kecke, aufleuchtende der fünfzehnjährigen Tänzerin im Walde von Zircz, er war auch nicht mehr jener sanft traurige einer in das Treibhaus verpflanzten Waldblume, jener Czinka, die den entflohenen Jugendgefährten vergeblich sucht. Es drang jetzt ein Strahl aus diesen wunderbaren Augen in seine Seele, dessen Licht ihn mit einer zagenden Seligkeit erfüllte und ihn leise beten ließ: