19. Blick von der Paßhöhe ins Tal von Pänjao
Für vier Rupien kauften wir einen Hammel, der abends geschlachtet wurde. Juma bereitete ein treffliches Hammelragout zu, das uns allen gut mundete. Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwand, wurde es wieder empfindlich kalt, und wir zündeten in unserer Höhle ein großes Feuer an, das herrlich wärmte.
13. November. Wir hatten eine sehr unruhige Nacht. Ich mochte vielleicht zwei Stunden geschlafen haben, als ich durch ein Geräusch aufwachte. Die Afghanen schienen fest zu schlafen. Den Abend vorher waren beim Lagerfeuer noch viele Räubergeschichten erzählt worden, und es hieß allgemein, daß diese Gegend nicht ganz sicher sei. Ich hörte deutlich, das irgend jemand mit dem Geschirr klapperte, und wollte Licht machen. Aber es waren natürlich wieder keine Streichhölzer da. Ich rief Juma, der in der einen Ecke unserer Höhle lag und fest schlief. Endlich wachte er auf, zündete umständlich eine Wachskerze an und untersuchte unseren Raum, fand aber nichts. Wohl war die eine Laterne umgeworfen, und die Töpfe lagen durcheinander, aber sonst konnten wir nichts feststellen. Wahrscheinlich hatte sich ein großer Kater in unsere Behausung geschlichen, um die Reste unseres Abendbrotes zu vertilgen. Fast in jedes Karawanserai leben einige große Katzen, die äußerst zudringlich sind. Schlug man sie, so wurden sie meist noch frecher.
Wir froren, als wir morgens um sechs Uhr aufbrachen, war das Thermometer doch auf –10 Grad Celsius gefallen. Der heutige Tagesmarsch war kurz und äußerst eintönig. Wir zogen in einem großen, von Terrassen eingefaßten Tale bergan. Der Boden war mit Reif überzogen, und die Schneekristalle glitzerten wie Tausende von Diamanten. Der Weg wandte sich wieder nach Norden. Vor uns stieg die Bergkette auf, die wir morgen in einem hohen Passe überschreiten sollten. Nur wenig Schnee lag auf den felsigen Hängen.
Gegen Mittag trafen wir eine große Karawane von Hesares. Schon von weitem sahen wir die Staubwolke, die sie aufwirbelte, und meine Afghanen machten schon ängstliche Gesichter, da sie glaubten, es seien Räuber. Die Hesares sind sonst gutmütige, friedfertige Menschen im Gegensatz zu den Firuzkuhis, die nördlich der Bergkette wohnen. Man sieht ihnen sofort die mongolische Abstammung an – scharfe Schlitzaugen, wenig Bartwuchs, stark hervortretende Backenknochen. Man könnte sie oft für Tibeter halten, mit denen sie wohl die größte Ähnlichkeit haben. Sie sollen mit Dschinghis-Khan ins Land gekommen sein und sind jetzt auf das zentrale Afghanistan beschränkt. Sie besitzen große Schaf- und Ziegenherden, die ihren ganzen Reichtum ausmachen, treiben nebenher aber auch etwas Ackerbau. Wir trafen auch eine Hesarensiedelung, ca. 20 schwarze, runde, jurtenähnliche Zelte.
Langsam arbeiteten wir uns höher und höher und näherten uns mehr und mehr den Schneeflächen. Kurz vor dem Robat Tere-Bulak (nasse Quelle), sammelten wir einige schön erhaltene Versteinerungen. Heute zeigten sich zum ersten Male einige weiße Kumuluswolken, die wie große Segelschiffe über den blauen Himmel zogen. Nachmittags bestieg ich einen Berg, der sich dicht hinter dem Robat erhebt, und sammelte hier noch einige Fossilien. Gulam Ali und Mesjidi Khan amüsierten sich damit, einige der niedrigen Sträucher, die die Hänge bedeckten, anzuzünden. Das trockene Gestrüpp brannte herrlich, und der weiße Rauch zog sich in dicken Schwaden um den Abhang. Abends gingen wir früh schlafen, da uns am anderen Tage ein anstrengender Marsch bevorstand.
14. November. Heute früh kamen wir erst um sechs Uhr fort. Da es zu dem hohen Passe, den wir heute zu überwinden haben, weit und die Steigung nicht zu stark ist, steigen wir bald zu Pferde und lassen uns langsam bergan tragen. Vor uns haben wir jetzt das Bend-i-Baian-Gebirge; es sieht nicht sehr drohend aus und trägt auf den uns zugewandten Südhängen nur wenig Schnee. So arbeiten wir uns langsam empor und erreichen gegen neun Uhr die erste ca. 3000 Meter messende Paßhöhe. Juma ist vorausgeeilt und hat von den dürren Stauden, die hier und da die Hänge bekleiden, ein großes Feuer angezündet, das herrlich wärmt und uns wieder auftaut.
Wir sind jetzt auf den Höhen des Gebirges, und je mehr wir auf die Nordhänge hinüberreiten, um so mehr Schnee treffen wir an. Von dem höchsten Passe, dem Kutel-i-Ahengeran, haben wir eine herrliche Aussicht. Eine Winterlandschaft umgibt uns; fern im Norden hebt sich wie eine weiße Sägelinie der Hauptkamm des Kuh-i-Baba vom blauen Himmel ab, und auch im Süden ragen einige hohe Schneegipfel aus der Bergwelt heraus. Wir befinden uns jetzt mitten in den Schneefeldern, deren Kristalle das Sonnenlicht in tausend Facetten zurückwerfen. Ich bin froh, daß ich meine Schneebrille bei mir habe, denn der Neuschnee, auf dem die Morgensonne liegt, blendet so stark, daß man kaum die Augen aufhalten kann. Ich mache zwei photographische Aufnahmen, die ein gutes Bild von diesen öden, eingeschneiten Bergen geben. Alpine Formen vermißt man ganz; Gletscher fehlen, und steile Felswände trifft man nur selten an. Das Gestein ist stark verwittert und besteht aus dunklen Kalken und Schiefern.
Auf der zweiten Paßhöhe machten wir Rast, zündeten ein großes Feuer an und nahmen unser Frühstück ein. Ein langer Abstieg folgte, und schon von ferne sahen wir das von Terrassen eingefaßte Tal des Heri-rud. Gegen drei Uhr passierten wir eine Siedelung von Hesares. Diese hausen hier in Höhlen, die sie aus dem weichen Fels herausgeschlagen haben. Augenscheinlich war gerade großes Reinmachen; denn auf den Hängen waren Teppiche und Decken zum Trocknen ausgebreitet. Zwei große wütende Hunde, weiße Mastiffs, wollten uns nicht vorbeilassen, und wir konnten sie uns nur durch Steinwürfe vom Leibe halten.