Das Talbecken von Ahengeran ist reich kultiviert. Überall dehnen sich Felder und Lehmhäuser aus. Eine kleine verfallene Ruine liegt zur Linken. Wir passieren das Robat und ziehen weiter in östlicher Richtung nach Khassi. Wir sind jetzt wieder im Heri-rud-Tale, das wir zwischen Obeh und Charsar verlassen hatten. Über den Lauf des Flusses zwischen Ahengeran und Obeh konnte ich nur in Erfahrung bringen, daß er in tiefer Schlucht sich den Weg durch die Berge schneidet.
Eine stundenlange Wanderung durch das Heri-rud-Tal folgte. Eine Schar Wildenten trieb sich am Flusse umher, und Mesjidi Khan wollte wieder sein Jagdglück versuchen; aber wie immer schoß er daneben. Im Süden unseres Weges hatten wir den langen, stark denudierten Kamm des Bend-i-Baian-Gebirges, zur Linken in Schutt gehüllte Berge, die zum Heri-rud abfallen. Dann und wann steigen wir ab und gehen zu Fuß. Wir müssen auch noch einige Berge überschreiten, ehe wir gegen vier Uhr die Kalé (die Festung) und das Robat von Khassi sichten. Kurz bevor wir dort eintrafen, konnte ich noch eine herrliche Naturerscheinung beobachten. Die im Osten sich auftürmenden Berge wurden von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen und flammten in purpurroten und tiefvioletten Farben auf, was sich gegen den schon dunklen Abendhimmel prächtig ausnahm. Aber nur Minuten dauerte diese Erscheinung; sie war flüchtig wie alles Schöne auf Erden. Und doch sind solche Augenblicke für uns unvergeßlich. Sie erheben uns, und wir zehren lange davon. Und in trüben Stunden, da treten diese Augenblicke wieder vor uns hin, gleichsam, um uns zu mahnen und uns neuen Mut zu verleihen.
In Khassi wollen wir einen Ruhetag einlegen, denn Gulam Ali hat hier einen Freund wohnen, den er besuchen will. Auch wollen wir den Tieren einmal etwas Ruhe gönnen. Da das Dorf Khassi auf dem nördlichen Ufer liegt, müssen wir durch den Heri-rud reiten. Ich war zu müde, um noch ins Dorf zu gehen, und blieb im Karawanserai. Gerade als ich es mir auf meinem Feldbette bequem gemacht hatte und mein Tagebuch schreiben wollte, kam ein Diener gelaufen und brachte mir eine Einladung von Gulam Alis Freund, der Steuereinzieher dieses Bezirkes war. Er hatte auch gleich ein Pferd mitgebracht, damit ich den Fluß durchreiten konnte. Ich machte mich also fertig, schwang mich auf das ungesattelte Pferd und ließ mich nach dem Flusse hinunterführen. Es war schon dunkel. Der Diener hielt in der einen Hand die Stallaterne, in der anderen die Zügel des Pferdes. Als wir mitten im Fluß waren, und das rauschende Wasser schäumte und spritzte, wurde das Pferd störrisch, und ich konnte mich nur mit Mühe halten. Schließlich kamen wir aber doch glücklich ans andere Ufer.
Bei dem jungen Afghanen wurden wir sehr liebenswürdig aufgenommen. Er bewirtete uns mit Pilau und Mast (saure Milch) sowie Tee und Kuchen, und es gab auch Musik und Gesang. Gegen neuneinhalb Uhr brach ich wieder auf, während Gulam Ali und Mesjidi Khan bei ihrem Freunde übernachteten ([Abb. 18]).
15. November. Heute war der ersehnte Ruhetag, wir konnten wirklich einmal ausschlafen. Erst um acht Uhr wurde gefrühstückt. Ich leistete mir zur Feier des Tages Kakao, da wir hier Milch kaufen konnten. Auch den Afghanen gab ich zu trinken; aber obgleich ich den Kakao stark gezuckert hatte, erklärten sie, er sei »bisjar tälch« (sehr bitter). Übrigens fiel es ihnen sehr schwer, das Wort Kakao richtig auszusprechen, und ich amüsierte mich immer, wenn Juma die Kakaotüte suchte und fragte: »Kaukau kuja’st?«
Den Vormittag benutzten wir dazu, die Koffer wieder gut zu verpacken, denn es war alles durcheinandergerüttelt. Mittags wurde ich wieder zum Freunde Gulam Alis eingeladen, und es gab wieder Pilau, Tee und Süßigkeiten. Alle hatten sich heute in Gala geworfen, und ich kam mir in meinem Reitanzug gar nicht gesellschaftsfähig vor.
Nachmittags wanderten wir in den umliegenden Bergen umher. Die Felsen sind sehr verwittert, und die Diorite sowie die anderen Eruptivgesteine sind zu Schutt und Staub zerfallen. Nur an einzelnen Stellen ragen einige härtere Felsen aus dem Schutte auf und bilden kleine Riffe. Ein sehr hartes Band dunkler Eruptivgesteine verläuft quer zum Fluß und verursacht Stromschnellen. In der Ferne konnten wir einige gut ausgeprägte Terrassen erkennen, die darauf hinweisen, daß der Fluß einst in einem bedeutend höheren Niveau floß ([Abb. 17]).
Dann besuchten wir den Hakim (Untergouverneur). Schon bevor wir nach Khassi kamen, erzählten meine Begleiter von ihm wunderliche Geschichten und sagten, er sei ein verrückter alter Kerl, der aber ziemlich große Macht habe. Da ich ohne jedes Empfehlungsschreiben und ohne Paß reiste, schien mir der Besuch bei diesem Herrn gar nicht so geheuer, denn wenn er sich, wie die Afghanen sagten, verrückt bürokratisch anstellte und nach einem Papier verlangte, war ich in übler Lage.
Nachmittags, als ich auf einem Terrassenvorsprung meine Gefährten und ihren Freund photographierte, sahen wir, daß sich auf der von uns durch ein kleines Tal getrennten gegenüberliegenden Seite eine Menschenmenge ansammelte, die unser Tun genau beobachtete. Und sicher wurde dem Hakim genau Bericht erstattet, was wir trieben. Wir hielten es daher für das beste, ihm erst einmal unseren Besuch zu machen. Er residierte in einer elenden, halb in Ruinen liegenden Kalé oder Festung. Als wir uns dieser näherten, scharten sich die Einwohner um uns und sandten uns nicht gerade freundliche Blicke zu. Ich wurde unwillkürlich an die Situation erinnert, in der Younghusband war, als er die Festung der Kandjuten im Kara-Korum aufsuchte. Wir gingen durch finstere Gänge und vor Schmutz starrende Höfe, bis wir endlich in einen Hof gelangten, der etwas sauberer war. Dort breitete man für uns einige Kelims aus. Nachdem wir lange gewartet und meine Afghanen noch mehr als einen Witz über den Hakim gerissen hatten, trat der Gewaltige herein. Er entpuppte sich als ein kleines verhutzeltes Männchen, dem aber der Schalk im Gesicht geschrieben stand, und ich habe keinen Zweifel, daß er auch sehr grausam sein konnte. Wir wurden zum Tee geladen. Ich mußte ihm meinen Feldstecher zeigen; aber sonst wurde wenig gesprochen. Meine Afghanen hatten anscheinend solchen Respekt vor ihm, daß sie gar nicht wagten den Mund aufzutun. Wir blieben auch nur kurze Zeit und gingen dann wieder an den Fluß hinunter, wo ich noch einige Gesteinsproben sammelte und die Gesellschaft photographierte.
16. November. Heute wollten wir eigentlich schon bis Dauletjar kommen, erfuhren aber, daß der Weg sehr weit sei, und so entschlossen wir uns, nur bis Badgah zu ziehen. Der Freund Gulam Alis begleitete uns die erste Strecke des Weges. Er trug seinen besten Anzug und ritt einen prächtigen, schwarzen Hengst. Seine Lammfellmütze hielt er in der rechten Hand, um sich gegen die Sonne zu schützen, worüber Juma sich sehr lustig machte. Wir ritten stetig ansteigend die Terrassen hinauf, die sich längs des Flusses hinziehen. Bei Pusaleh passierten wir die große Brücke über den Heri-rud; das Dorf selbst scheint verlassen zu sein. Etwas oberhalb Pusaleh verläßt der Weg den Fluß, der hier Stromschnellen und kleine Wasserfälle bildet und aus einer tiefen Schlucht heraustritt. Zur Rechten haben wir noch das Bend-i-Baian-Gebirge mit seinem abgetragenen, gerundeten Bergrücken. Ein ödes Land!