Gegen Mittag steigen wir wieder ins Heri-rud-Tal ab, das von hohen, kahlen Felsbergen eingefaßt ist. Ein paar vertrocknete Stauden am Fluß bilden die einzige Vegetation, die wir sehen. Wie oft finde ich in meinem Tagebuch die Eintragung: den ganzen Tag kein Fleckchen Grün gesehen. Der erste Europäer, der wohl Badgah besucht hat, war Arthur Conolly, der ca. 1831 auf seinem Wege von Kabul nach Khiva durch Badgah zog. Er hatte auf seinem Wege viel unter Überfällen zu leiden. Badgah liegt in einer großen Ebene, den Winden von allen Seiten ausgesetzt, daher auch der Name (Bad = Wind und Gah = Ort).
Abends im Robat spielt sich stets die gleiche Szene ab. Wenn Juma in der Feuerstelle die trockenen Stauden anhäuft und anzündet, ist in ein paar Minuten der Raum voll beißenden Rauches. Man weint die bittersten Tränen, und selbst die Schutzbrille hilft nicht dagegen; es bleibt nichts weiter übrig, als sich platt auf den Boden ans Feuer zu legen. Bis auf einen halben Meter über dem Erdboden liegt der Rauch in dicken Schwaden, und erst, wenn der Raum genügend erwärmt ist und wir das Luftloch in der Decke gereinigt haben, zieht der Rauch ab. Beim Scheine des Feuers schreibe ich mein Tagebuch. Ab und zu legen wir neue trockene Stauden auf, daß es knistert und funkt. Stundenlang können wir so um die Glut sitzen und in die blauen züngelnden Flammen starren. Bilder aus längst vergangenen Tagen steigen wieder auf. Osterfeuer – Sonnwendfeuer –. Die Afghanen sitzen still und stumm; Gulam Ali liest in einem persischen Geschichtsbuch. Er ist ganz in seine Lektüre vertieft; nur manchmal gerät er so in Entzücken, daß er Mesjidi Khan ein besonders schönes Gedicht vorträgt. Draußen vor der Pforte unserer Höhle flammt auch ein Feuer auf. Dort kocht Gul Mohammed den Reispudding. Juma sitzt am Feuer und träumt. Das Wasser in unserem kleinen, schwarz berußten Teekessel beginnt zu summen, und gegen neun Uhr ist meistens auch das Essen fertig. Auf einer großen Schüssel wird der Reis aufgetragen, das Fleisch um den Rand gelegt. Ich fülle mir mein Essen auf den Teller; die Afghanen aber stürzen sich alle auf die große Schüssel. Jeder greift mit der Hand in den Reis und sucht das größte Stück Fleisch zu erhaschen. Messer und Gabel kennen sie ja nicht. Gul Mohammed ißt für zwei. Ich wundere mich oft, wo er das alles läßt. Er sieht in seinem dicken, weißen Filzmantel und schwarzen Turban gegen seine Kameraden ordentlich vornehm aus. Heute trank er zum Schluß noch das übriggebliebene geschmolzene Hammelfett aus; worauf Juma die Bemerkung machte: er fresse wie eine Kuh. Damit hatte er aber Gul Mohammed so schwer beleidigt, daß er in den nächsten Tagen mit Juma kein Wort sprach. Gul Mohammed war überhaupt sehr eitel. Oft schaute er während des Marsches in einen kleinen runden Spiegel, den er stets bei sich trug. An einem Ring hatte er auch einige interessante kleine Instrumente: einen Nagelreiniger, einen Ohrlöffel und eine Pinzette, mit der er sich Barthaare ausriß!
17. November. Der heutige Tagesmarsch war wohl der eintönigste von allen. Zuerst zogen wir im Tale des Heri-rud aufwärts, dann aber verließen wir den Fluß und ritten stundenlang durch die öden, verwitterten Berge. Gegen Mittag sahen wir den Fluß wieder tief unter uns und stiegen langsam an sein Ufer hinab. Wir genossen einen herrlichen Ausblick nach Norden auf die Schneespitzen des Kuh-i-Baba. Über Schinieh erreichten wir Dauletjar, eine bedeutende Siedelung, die in einem großen Talbecken gelegen ist. Dort laufen verschiedene große Karawanenstraßen zusammen, von denen eine längs des Farah-rud nach Sistan gehen soll.
Manche Forscher haben die Meinung vertreten, daß auch Alexander der Große auf seinem Zuge nach Bamian mit seiner Armee dem Hilmend-Tal gefolgt sein soll. Quintus Curtius beschreibt jedenfalls eine Route, die bedeutend größere Schwierigkeiten geboten haben muß als der reguläre Weg von Kandahar über Kabul nach Bamian.
Etwas nordöstlich von Dauletjar kreuzte Ferrier den Heri-rud; er wandte sich dann nach Süden in das eigentliche Hesarajat-Hochland. Auch die englischen Offiziere Talbot und Maitland sind in dieser Gegend gewesen; ihre genauen Berichte sind aber nicht zugänglich.
Als ich später nach Kabul kam, erfuhr ich, daß die deutschen Ärzte, die ein paar Monate vor mir auf dieser Straße gezogen, hier ihren Kameraden Berends verloren, der an Malaria starb und in dieser einsamen Bergwelt bestattet wurde.
VI
ÜBER HOHE GEBIRGE UND EINGESCHNEITE PÄSSE
18. November. Nachts um zwei Uhr mußten wir heute schon aufstehen, und ich war noch sehr verschlafen, als um einhalb drei der Tee gebracht wurde. Um einhalb vier erfolgte der Aufbruch. Langsam zog unsere Karawane in das Dunkel der Nacht hinaus. Zuerst ritt ich, aber bald waren die Füße so eiskalt, daß auch ich zu Fuß ging. Langsam, unendlich langsam schleichen die Stunden dahin. Herrlich ist der Sternenhimmel; selten habe ich so viel Sternschnuppen beobachten können; alle paar Minuten leuchten sie wie Raketen am sternenübersäten Nachthimmel auf. Um diese Zeit schlägt es in Europa gerade Mitternacht; dieselben Sterne sehen auch auf meine Heimatsstadt und mein Elternhaus! Wie es dort wohl aussehen mag? Seit über drei Monaten habe ich nichts mehr von Deutschland gehört.
Langsam arbeiten wir uns den hohen Paß hinauf, den wir heute zu überschreiten haben. Endlich beginnt es etwas heller zu werden, und wir können die Einzelheiten im Landschaftsbilde erkennen. Über den Bergen liegt ein eigentümlich violetter Schleier, der, je heller es wird, in blaue Töne übergeht. Als die ersten Strahlen der Morgensonne die Berggipfel treffen, reiten wir in das malerische Talbecken der Hesarensiedelung Germ-ab. Hier wurde fleißig gearbeitet: die Felder gepflügt, das Korn gedroschen. Die Männer sangen zur Arbeit, die Frauen saßen vor den jurtenähnlichen Hütten, spielten mit den Kindern, nähten oder flickten. Es war ein idyllisches, friedliches Bild, das mich an die Schilderung erinnert, die Ferrier von einer Hesarensiedlung an einem südlicher gelegenen See in Zentralafghanistan gegeben hat. Ein paar Schafe und Ziegen grasten im Tale, und ein paar große, kräftige Hunde bewachten das Dorf.
Wir zogen weiter, und bald war die kleine Siedelung unseren Augen entschwunden. Wir hatten einen neuen Paß zu überschreiten, von dem aus wir eine interessante Aussicht hatten. Unter uns zur Linken lag wie ein erstarrtes Meer eine ziegelrote, orangefarbene Bergwelt, die scharf vom tiefblauen, wolkenlosen Himmel abstach ([Abb. 13]). Rechts aber türmten sich höhere Berge auf, die aus dunklem vulkanischen Gestein bestehen und einige Schneekappen tragen. In der Sonne war es heute recht warm; es war einer der letzten schönen Herbsttage des Jahres.