Gegen drei Uhr kamen wir an einen breiten aber seichten Fluß, in dessen ruhigem Wasser sich die Berge spiegelten. Auf dem jenseitigen Ufer lag ein größeres Dorf. Beim Durchschreiten des Flusses glitt mein Wasiri aus, und wir beide nahmen in den kühlen Fluten ein erfrischendes Bad! Ich ging darauf den letzten Teil des Weges nach Lar zu Fuß. Mesjidi Khan hatte seinen Fuß verstaucht und war weit zurückgeblieben. Gegen vier Uhr sichteten wir das Robat, das auf einer Terrasse gelegen ist, unterhalb derer sich der Fluß hinschlängelt.

Je mehr sich die Sonne dem Westen zuneigte, um so phantastischer wirkte die rote Berglandschaft, die sich im Norden des Flusses hinzieht. Die Dämmerung brach schnell herein. Blauschwarz war der Himmel im Nordosten, gerade als ob ein Gewitter aufziehen wollte, und die Berge schimmerten in schwefelgelben und violetten Tönen.

19. November. Schon am Abend verkündeten Gulam Ali und Mesjidi Khan, daß wir ganz früh aufbrechen müßten, mindestens um ein Uhr. Da die Afghanen die Uhr kannten, selbst aber keine hatten, stellte ich meine Uhr um zwei Stunden zurück, denn ich verspürte absolut keine Lust, mir meine Nachtruhe nehmen zu lassen. Als gegen halb zwei Mesjidi Khan sich erhob, die Laterne anzündete und anfangen wollte einzupacken, erklärte ich ihm, er sei verrückt; es wäre erst halb zwölf und ich machte auf keinen Fall mit. Darauf drehte ich mich wieder in meinen Pelz ein, legte mich auf die andere Seite und schlief weiter. Mesjidi Khan brummte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, blies das Licht aus und kroch auch wieder unter seine Decke zu Gulam Ali, der fest schnarchte.

Erst gegen fünf Uhr brachen wir auf. Der Himmel war bezogen – es sah nach Schnee aus. Kreideweiß hoben sich die schneegepuderten Berge vom bleigrauen Himmel ab. Man konnte fast glauben, daß diese traurige Landschaft auch uns ernster stimmte; denn der Morgenritt verlief sehr schweigsam. Ich zeichnete vom Pferde aus einige Panoramen von der Bergwelt, die wir zur Rechten hatten und wo sich einige schöne Flußterrassen hinzogen.

Wieder müssen wir auf einen Paß hinauf. Das eine Lastpferd scheute vor einem Kamelskelett, das am Wege lag. Wir trafen häufig die Überreste zusammengebrochener Tiere; manche Skelette sind schon von der Sonne gebleicht, an anderen hängen noch Fetzen Haut und Fell; und manche Tiere müssen erst kürzlich verendet sein. Wir fanden auch Skeletteile abseits vom Wege, wohin sie von den Wölfen verschleppt worden waren. Ein trauriges Bild boten manchmal die Karawanseraien, in deren Höfen oft die Skelette verendeter Tiere lagen.

Auf der Paßhöhe zündeten wir wieder ein großes Feuer an und lagerten eine Viertelstunde, während der ich einige hohe Schneegipfel, die sich im Südosten zeigten, einpeilte und skizzierte. Die Berge bestanden aus dunkelroten Sandsteinen beziehungsweise Tuffen, ähnlich denen, die wir bei Teng-i-Asau sahen. Dann ritten wir in das Tal von Kirman hinab, das vollkommen öde und verlassen ist.

Je mehr wir uns diesem kleinen Flecken nähern, um so kälter wird es; ein schneidender Wind bläst uns entgegen, und jeder wickelt sich so viel Tücher um den Kopf wie nur irgend möglich. Ganz fein beginnt es zu schneien, und bald ist der Boden mit einer weißen Decke überzogen. Wir reiten an einigen Ruinen vorbei, in deren Gemäuer Raben hausen und die Luft mit ihrem Gekrächze erfüllen, als wir vorbeiziehen. Ein paar Reiter, Flinten über den Schultern, reiten auf uns zu und fragen, wohin wir wollen. Sie erkennen mich nicht als einen Europäer; denn ich habe meine Schneebrille auf und das Gesicht mit Tüchern umwickelt, und rasiert hatte ich mich seit Wochen nicht! Die Kälte wird immer stärker; der Wind schneidender; man erstarrt fast auf dem Pferde.

Um elf Uhr verteilt Juma das Frühstück. Ich erhalte die Brust und das Bein vom Huhn, aber das Fleisch ist gefroren und so mit Eiskörnern durchspickt, daß es knirscht, als ich hineinbeiße. Nebel und Wolken hüllen die hohen Schneeberge ein, auf die wir jetzt zureiten.

Es wird dunkler und dunkler, und wieder hüllt uns ein Schneewetter ein. Ich kann die Hände kaum noch zum Zeichnen gebrauchen. Wir treffen viele Nomaden, die auf Eselchen und kleinen Pferden reiten. Manche gehen zu Fuß. Wie müssen sie in ihren schmutzigen, zerrissenen Gewändern frieren! Eine Kamelkarawane kommt langsamen Schrittes gezogen; die Tiere sehen wie bepudert aus. Auf dem einen Kamel hockt eine junge Frau und blickt verstohlen zu uns herüber, wer wir wohl sein mögen. Auf einem anderen sind kleine Kinder festgebunden und blicken ängstlich von ihrem schaukelnden Sitz herunter. Nomadenleben! Und doch scheinen sie so zufrieden mit ihrem Schicksal zu sein; sie haben ja auch nie etwas anderes kennengelernt.

Von hier aus führt anscheinend auch ein Weg nach Bamian, der auf der neuesten englischen Karte nicht eingetragen ist, wohl aber auf den älteren Ausgaben. Er führt über einen Paß, der Talatu heißt und über den wahrscheinlich Ferrier gezogen ist.