23. Auf dem Weg von Jaokul nach dem Unaipaß

An einem kleinen kristallklaren Bach, der mit einer dünnen Eisschicht überzogen ist, machen wir halt und tränken die Tiere. Die graue Wolkenwand teilt sich mehr und mehr, und bald überflutet helles Sonnenlicht die herrliche Winterlandschaft. Wie tausend Diamanten glitzert es im Schnee, und ohne Schneebrille kann man die Augen kaum offen halten. Hin und wieder begegnen uns Hesaren, die uns im Vorüberreiten freundlich: »Salem alaikum, mundä näbaschi« (Seid gegrüßt, möget ihr nicht ermüden!) zurufen.

Zur Linken bestehen die Berge aus feinem Tonschiefer, aber trotz eifrigen Suchens kann ich keine Versteinerungen finden. Gulam Ali und Mesjidi Khan reiten nach einer Hesarensiedlung, um »Kurk Barek« (Stoff) zu kaufen. Es ist dies ein braunes, grobes, gewebtes Tuch, das außerordentlich dauerhaft und warm ist, und aus dem sich die Afghanen ihre Winteranzüge machen. Wir haben wieder einmal einen hohen Paß zu überschreiten, aber der Anstieg ist bequem. Von der Paßhöhe aus mache ich einige Aufnahmen ([Abb. 19]). Dann folgt der Abstieg ins Tal von Pänjao. Von einer der hohen Felswände war ein großer Block losgebrochen, der voller Versteinerungen war; aber es kostete viel Mühe, diese aus dem festen Fels herauszuarbeiten.

Der Weg nach Pänjao erschien uns endlos; stundenlang zogen wir bei sehr wechselndem Wetter durch das von Terrassen eingefaßte Tal. Bald schien die Sonne, bald hüllten uns eisige Hagelschauer ein. Wir passierten viele kleine Siedelungen und begegneten Hesaren, die kleine, schwarze, mit Gestrüpp über und über beladene Ochsen vor sich hertrieben. Bevor wir ins Robat kamen, mußten wir noch den Fluß kreuzen, der von der Kuh-i-Baba-Kette herunterkommt und in seinem Unterlauf den Namen Tagao Pänjao trägt. Das Robat liegt auf einer Anhöhe über dem Fluß, während auf der anderen Seite sich eine Lehmfeste erhebt. Auch in dieser Gegend herrschen die dunkelroten Sandsteine vor, die der Landschaft eine so charakteristische Farbe aufprägen, während die höheren Ketten aus schwarzen Schiefern und dunklen Kalken bestehen.

In dieser Gegend soll eine heiße Quelle sein. Kurz vor dem Robat hätten wir beinahe unseren Teekessel verloren. Zum Glück fand ihn Juma noch, der als Nachzügler hinterherkam. Im Schneetreiben kamen wir im Robat an, wo wir es uns bald bequem machten. Als Gul Mohammed abends Brennholz suchen ging und aus dem Bache Wasser schöpfen wollte, sah er im Robat einen großen Wolf, der an einem Skelett eines verendeten Kamels zerrte. Er kam sofort zurückgelaufen und verlangte von Mesjidi Khan das Gewehr; als wir aber in den Hof gingen, war der Wolf bereits verschwunden; aber im frisch gefallenen Schnee konnten wir die Spuren erkennen. Das eine der Pferde war in einem bedauernswerten Zustand. Es war gänzlich abgemagert und hatte durch die Lasten große Druckstellen davongetragen. Abends ging ich noch einmal zu den Tieren hinaus. Sie standen aneinandergedrängt im Hofe. Gul Mohammed rieb gerade die wunden Stellen des kranken Packpferdes mit rohem Eiweiß ein. Er machte ein betrübtes Gesicht; hatte er doch gerade auf das weiße Pferd seine größten Hoffnungen gesetzt. Als auch am folgenden Tage keine Besserung im Befinden des Pferdes eintrat, versuchte er es mit einer Radikalkur. Er entnahm dem Tiere Blut aus den Nüstern. Seltsamerweise bewirkte diese Kur Wunder; denn als wir nach Kabul kamen, war das weiße Pferd tatsächlich das munterste von allen.

Am anderen Tage brachen wir gegen siebeneinhalb Uhr auf. Es hatte während der Nacht wieder geschneit, und wo gestern im Laufe des Tages der Schnee geschmolzen war, lag heute eine neue weiße Decke ([Abb. 21]). Wir ritten in einem breiten Tale gen Osten. Vor uns erhob sich ein massiger hoher Gipfel, auf dessen steilen Felsklippen sich der Schnee nicht halten konnte. Ich machte eine kleine Skizze, peilte den Berg ein, und dann zogen wir an seinen Hängen bergan, um gegen zehn Uhr auf eine Paßhöhe zu gelangen, von der aus wir einen schönen, umfassenden Ausblick hatten. Aber wir mußten noch einen Paß überschreiten, ehe wir in das Gebiet des Hilmendoberlaufes kamen.

Uns allen fiel das Steigen sehr schwer, und wir mußten alle paar Minuten stehen bleiben, um Luft zu schöpfen. Nur Mesjidi Khan schienen die verdünnte Luft und die große Steigung nichts anzuhaben; er war schon eine halbe Stunde früher als wir auf der Paßhöhe angelangt. Wir passierten das in Ruinen liegende Robat Siah-Seng (der schwarze Fels) und hatten gegen zwei Uhr noch einen weiteren Paß zu überschreiten. Dann folgte ein zweistündiger Ritt bis Gargareh, wo wir in der Moschee übernachteten beziehungsweise in dem Lehmhause, das als Moschee und zugleich als Gästehaus dient.

Abends hatten wir wundervollen Vollmondschein. Das ganze Tal schimmerte in silberhellem Lichte, und die tief eingeschneiten Kuppen der Berge leuchteten blendendweiß. Abends bettelte mich Gul Mohammed nach dem Essen um Chinin an, denn er klagte über heftige Kopfschmerzen. Als ich das Glas wieder einpacken wollte, rollten ein paar Tabletten auf die Erde; aber ich war zu müde, um mich von meinem Feldbette zu erheben, und ließ die Tabletten liegen. Als ich am anderen Mittag Gul Mohammed fragte, wie es ihm gehe, meinte er: Ja, die Tabletten hätten nicht viel geholfen, obgleich er abends vorher auch noch die anderen vier Tabletten, die heruntergefallen waren, geschluckt habe!

Vergangene Nacht hatte ich mich auch sehr über die Afghanen geärgert. Kaum war ich richtig eingeschlafen, als um einhalb eins Gul Mohammed bereits mit dem Talglicht zu hantieren anfing und behauptete, wir müßten zum Aufbruch rüsten. Meine Begleiter trauten auch meiner Uhr nicht mehr recht, gingen hinaus und sagten, es sei ganz hell und dämmere bereits. Das war natürlich großer Schwindel. Aber unsere Gesellschaft war nun einmal wach geworden, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Es war auch in unserer großen Behausung so kalt, daß man es schon vorzog, zu gehen. – Es wurde also Feuer angezündet, Tee gebraut, und gegen drei Uhr brachen wir auf.