Zuerst müssen wir die linke Talterrasse erreichen, auf der der Weg sich hinzieht. Eine kalte Winternacht umgibt uns. Der Weg ist so schmal, daß wir die Pferde führen und aufpassen müssen, daß nicht ein Tier oder wir selbst den Abhang der Terrasse hinunterpurzeln. Wir sind vielleicht eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt, als durch das Dunkel der Nacht aus dem Tale heraus Stimmen zu uns dringen und wir angerufen werden. Gulam Ali und Mesjidi Khan tasten sich langsam und vorsichtig den Abhang hinunter und kommen nach einer Viertelstunde wieder. Es waren nur die Wächter des Ortes gewesen, die geglaubt hatten, wir seien Räuber oder Schmuggler.

Als es dämmerte, kamen wir nach Mar-chane (Schlangenhaus), wo das Robat ebenfalls in Ruinen lag. Die Flüsse haben hier wilde Schluchten durch die Berge geschnitten, und das seegrüne Wasser schäumt und rauscht zwischen den engen Felsen. Wir sind jetzt schon im Bereich der kristallinen Schiefer, und ich kann mir eine schöne Sammlung Handstücke schlagen. Gerade als wir die eine Schlucht passiert hatten, trafen wir eine kleine Karawane; Gulam Ali erkannte dabei einen seiner besten Freunde. Es fand eine herzliche Begrüßung statt; beide umarmten sich zärtlich. Nach einer Stunde erst traf Gulam Ali wieder zu uns. Es war heute bitter kalt, und die Morgensonne wärmte nicht im geringsten. Herrlich war der Sonnenaufgang! Purpurrot färbten sich die hohen Gipfel, als sie von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen wurden. Die kleinen Bäche waren sämtlich gefroren, und wir mußten sehr auf die Pferde achtgeben, daß sie nicht stürzten. Heute gesellte sich ein kleiner Hund zu uns; er war ein drolliges Tierchen, noch jung und hatte ein wolliges Fell wie die jungen Schäferhunde. Woher er kam, war uns rätselhaft. Die Sonne war noch so kräftig, daß sie im Laufe des heutigen Tages den Schnee fast überall schmolz. Die Berge leuchteten in allen Farben; eine breite Zone dunkelroter Tuffe konnten wir auf weite Erstreckung hin verfolgen. Gegen Mittag lagerten wir einen Augenblick auf einer Anhöhe. Die Sonne brannte, und es war sehr heiß. Ein tiefes Schweigen breitete sich ringsum aus. Manchmal löste sich ein Stein und rollte den Abhang hinunter. Andere wurden mitgerissen. Es war mir, als ob mir die Berge ihre Geschichte erzählen wollten: wie sie aufgepreßt, gefaltet und hoch aufgetürmt wurden, um später wieder zerrissen und abgetragen zu werden im Laufe unendlicher Zeiten.

Wieder zähle ich während eines Paßüberganges acht Kamelskelette; an dem einen knabbert ein großer Hund herum, daß es in den Knochen klappert und mein Wasiri fast scheut. Unser kleiner Hund ist sehr neugierig und will mit dem großen anbandeln, aber der knurrt verdächtig, worauf der kleine zu bellen anfängt und sich zurückzieht.

Weiter geht es durch die öde Bergwelt. Das Wetter hat sich wieder aufgeklärt. Gegen elf Uhr sehe ich über die kahlen verwitterten Berge ein paar herrliche Schneezacken aufragen, und als wir gegen zwölf Uhr nach Ser-i-Kutel kommen, haben wir ein Panorama der ganzen Schneegipfel des Kuh-i-Baba vor uns. Die Afghanen wollten weiterziehen, aber ich erklärte ihnen, daß ich hier bleiben wolle, um ein Rundpanorama aufzunehmen und jeden Gipfel einzupeilen. So bleiben wir denn in Ser-i-Kutel.

Mittags ist es recht schön warm. Der Himmel ist vom reinsten Blau, und der Schnee der hohen Berge glitzert in der Sonne. Die kleinen Bäche sind wieder aufgetaut, und überall sprudelt das klare Wasser und springt von Stein zu Stein.

Im Robat war eine Kompanie Soldaten untergebracht, die hier in diesem Gelände ihre Übungen abhielten. Der Hauptmann, ein großer alter, wetterfester Hesare, war ein prächtiger Kerl. Nachmittags lud er mich zum Tee ein, und wir ließen uns im Sonnenschein auf dem platten Dach des Karawanserai nieder. Seine Leibwache war stets bei ihm und präsentierte jedesmal das Gewehr, wenn ich zu ihm trat. Als wir dann zusammen Tee tranken, er meinen geologischen Kompaß (auf persisch Kibla Nameh genannt, da man mit Hilfe des Kompasses feststellen kann, wo Mekka liegt), Feldstecher und Photoapparat bewunderte, da war es mir, als hätte ich das alles schon einmal erlebt; irgendwo und irgendwann, vor unendlich langen Zeiten. Auch damals saßen wir auf dem flachen Dache eines Karawanserai, auch damals dieselbe Umgebung, dasselbe Gespräch, dieselben Menschen. Ein seltsames Gefühl bemächtigt sich unser in solchen Sekunden; man wagt kaum zu atmen und weiß nicht, was die tiefere Bedeutung, der Sinn davon ist. Man möchte den Schleier, der soeben vor unseren Augen zerrissen, gerne weiter lüften, um Geheimnisse zu erfahren, die uns sonst verborgen sind. Aber ebenso schnell, wie der Gedanke aufblitzt, verschwindet er in ein Nichts, und die Wirklichkeit tritt wieder vor uns hin.

Nach dem Tee bestiegen wir eine der umliegenden Anhöhen, von denen aus wir eine weite Fernsicht genießen konnten. Aber ein kalter Wind blies hier und der Hauptmann sowie Mesjidi Khan, die mit mir gekommen waren, froren trotz der dicken Schafpelze, die sie trugen. »Bisjar chunuk äst, Bisjar chunuk äst« (es ist bitter kalt), sagte der Häuptling mehrmals, um mich zu bewegen, mein Zeichnen aufzugeben. Aber ich ließ mich nicht beirren, arbeitete ruhig weiter und photographierte.

24. November. Der heutige Tagesmarsch bot viel Interessantes. Wir brachen gegen 6½ Uhr auf. Ein herrlicher Sonnenaufgang! Ich war allein vorausgeeilt und hatte die anderen weit hinter mir gelassen. Feine bläulichgrüne Schleier, unendlich zart und duftig wie ein Hauch, überzogen den Himmel im Osten, und einige kleine goldene Wolken, die in ein strahlendes Rosa übergingen, schwebten über den stillen Schneegipfeln ([Abb. 22]). Ich setzte mich auf einen großen Felsblock und blickte gen Osten, wo jeden Augenblick das Tagesgestirn sein flutendes Licht über das Land ausgießen mußte. Ich verspürte nichts von der Kälte und dem Wind; das gewaltige Schauspiel der Natur hielt mich in Bann. Wenn ich nur diese Farben festhalten könnte! Sie sind so unbegreiflich, so unwirklich, so märchenhaft schön! Und immer feuriger wird das Flammenmeer des Himmels und immer mehr erglühen die Schneekuppen der Berge! Eine unendliche Sehnsucht packt mich. Festhalten möchte ich diese Bilder, möchte sie eingraben in meine Seele; denn nur flüchtig sind diese Augenblicke auf unserer Erde, flüchtig wie das Glück, das kaum uns gegeben, wieder entschwindet. Und lange, lange zehren wir von solchen Augenblicken; in düsteren Stunden des grauen Alltags, wenn alles trostlos und öde erscheint, dann treten diese Bilder wohl wieder plötzlich vor uns hin, erinnern uns an ein Glück und geben uns wieder neuen Lebensmut. Und dann kommt die Sonne und färbt die Kuppen der Berge purpurrot, läßt sie aufflammen einen nach dem anderen. Und ein Meer von Licht gießt sich über die einsame Bergwelt, weckt sie aus den kalten Armen der Nacht. Immer wieder und wieder, Tag für Tag muß ich diesen Siegeszug des Tagesgestirns bewundern, und die Sonne ist mir in diesen Jahren mein liebster Freund geworden. Sie ist für mich das Symbol des Guten und Reinen, das sich auch im Menschen immer wieder und wieder Bahn bricht und ihn zur Höhe, zum endlichen Glücke führt.

Wir befinden uns im Quellgebiet des Hilmend; hoch wandern wir über die Bergrücken und blicken hinab in die tiefen Schluchten und Täler, die sich die Flüsse in die Bergwelt gerissen haben. Und ringsherum – aus violettblauen Nebelschleiern auftauchend – reihen sich die weißen Zinnen und Zacken der hohen Berge, die das Hochplateau der Hilmendquellen einfassen ([Abb. 20]). Unter uns tost und braust der Fluß, den wir überschreiten müssen ([Abb. 26]). Steil geht es die Felsen hinab, und tief unter uns sehen wir den Steg, der den Fluß überspannt. Eng schließen sich die Felsen über uns zusammen. Sie bestehen aus den buntesten Gesteinen. Am Flußufer glitzert es wie eitel Silber von Millionen feiner Glimmerschüppchen, die dem Sande beigemengt sind und von denen das Sonnenlicht reflektiert wird. Der Fluß führt in dieser Jahreszeit wenig Wasser; aber im Frühjahr und Hochsommer sollen sich gewaltige Fluten hier hinunterwälzen; selbst in dem entfernten Robat Ser-i-Kutel soll man das Donnern und Rauschen des Flusses vernehmen können.

Wir überschreiten die Brücke und steigen dann am anderen Ufer wieder langsam auf den Plateaurand hinauf. Der Weg ist stark vereist, die Pferde gleiten und stürzen, so daß wir gezwungen sind, Sand und Steine auf das Eis zu streuen.