Es begegneten uns einige Hesarenfamilien, sonst ist das Land öde und ohne Leben. Von der Tierwelt haben wir bis jetzt eigentlich gar nichts zu sehen bekommen. Wir ziehen über das große Plateau. Langsam verrinnen die Stunden. Wir sind jetzt in einem interessanten Eruptivgebiet; rechts vom Wege fand ich einen Asbestberg, und Porphyre, Granite sowie basische Eruptivgesteine wechseln häufig miteinander ab.
Dann kommen wir in eine breite Talebene, in der das große Dorf Rah-kol liegt. Seit langer Zeit sehen wir wieder einmal ein paar Bäume. Die Häuser waren hier buchstäblich mit Schafdungfladen beklebt, die an der Sonne trocknen sollten, um später als Feuerungsmaterial verwendet zu werden.
Wir haben jetzt wieder einen herrlichen Ausblick auf die Kuh-i-Baba-Kette. Die Pferde gehen sehr langsam, und die Marschgeschwindigkeit nimmt von Tag zu Tag ab. Vor uns dehnt sich ein großes, von vielen kleinen Bächen durchschnittenes Hochplateau aus ([Abb. 24]). Mit Hilfe des Fernglases erkenne ich das Karawanserai von Badassia. Aber stundenlang müssen wir noch reiten.
Wenn man täglich so zehn Stunden im Sattel sitzt, wird man schließlich müde und gleichgültig gegen alles. Ich glaube, ich bekam es fertig, manchmal an gar nichts zu denken. Gegen vier Uhr kamen wir im Robat an, das verlassen war. Gul Mohammed war im Dorfe gewesen und hatte versucht, Lebensmittel und Brennholz zu kaufen; aber die Leute waren sehr unfreundlich und gaben nichts. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als uns selbst zu helfen. An einigen Stellen war das Robat eingefallen, die Decken eingestürzt; dort sahen die dicken Balken heraus. Das würde ein feines Brennholz geben! Aber es war unmöglich, die Hölzer herauszuziehen oder zu zerkleinern. Uns fehlte es an Werkzeugen. Ich hatte nur meinen Geologenhammer und ein großes Taschenmesser. Nach stundenlangem Suchen und Arbeiten hatten wir endlich einige kleine Hölzer gefunden; dazu schnitt ich mit dem Messer von den größten Balken Späne ab, so daß wir wenigstens ein kleines Feuer anzünden konnten.
Mit dem Abendessen sah es auch traurig aus. Es gab trocken Brot mit Zucker. Dann gingen wir früh schlafen. Die Nacht war bitter kalt gewesen, und ein unfreundlicher Morgen mit schneidendem Wind und klingendem Frost erwartete uns. Der Mond stand noch am Himmel, und die Sterne funkelten, als die Tiere beladen wurden. Man konnte deutlich beobachten, wie der Mond sich mehr und mehr dem Horizonte zuneigte. Bald war er hinter der hohen Mauer des Robats verschwunden, und nur durch die Türöffnung fiel sein fahler Lichtschein in den Hof.
Der Sonnenaufgang bot wieder ein prächtiges Schauspiel. Vor uns war ein kleiner Paß, er war niedrig, machte uns aber viel zu schaffen. Es war eisig kalt, und obgleich wir alle zu Fuß gingen, waren wir bis ins Mark erstarrt. Unsere Lippen waren gerissen und blutig, ebenso unsere Hände.
Auf der Paßhöhe wollten wir wieder ein Feuer anzünden, aber das kärgliche Gestrüpp war so fest in den Boden gefroren, daß wir es erst mit dem Hammer herausschlagen mußten, was mit den klammen Händen nicht leicht war. Mein Geologenhammer war überhaupt zu allem gut; mehr als einmal am Tage verlangte Juma den »Chergosch«, sei es zum Zerkleinern des Hutzuckers, sei es um das Hammelfleisch mürbe zu schlagen und die Knochen herauszutrennen, sei es um einer allzu zudringlichen Katze einen Schlag damit zu versetzen!
Die Temperatur war –18 Grad Celsius. Wir freuten uns, als es bergab ging und wir im Morgensonnenschein reiten konnten. Gul Mohammed war zurückgeblieben. Dabei war es ihm geglückt, in ein paar kleinen Hesarenhütten einige Pfund prachtvoller Weintrauben aufzutreiben, die – wenn auch eiskalt und halbgefroren – trefflich mundeten. Wieder umgab uns richtige Hochgebirgslandschaft: Felsen, Schnee, Geröll; kein Grün, kaum ein Strauch war zu erblicken.
Wir reiten durch eine malerische wilde Schlucht, wo unzählige Geier hausen. Sie sitzen stumm auf den Felsen, als ob sie aus dem Stein herausgeschlagen seien; nur wenn wir mit Steinen nach ihnen werfen, fliegen sie auf und schweben mit schweren Flügelschlägen den hohen Gipfeln zu. Dann kommen wir wieder in das breite Hilmendtal, in dem viele kleine Siedelungen liegen.
Heute früh schickten wir Gul Mohammed weit voraus, um für abends schon Proviant einzukaufen. Er schwang sich auf das eine Packpferd und ritt im Galopp davon. Als wir nach einer Stunde zu ihm stießen, hatte er tatsächlich einige Hühner erstanden, die wir dem einen Packpferd aufbanden. Auch war es ihm geglückt, fünf Brote zu kaufen.