Zur Linken haben wir jetzt ganz nahe die mit Schnee bedeckten Berge des Kuh-i-Baba. Ich mache verschiedene photographische Aufnahmen und zeichne von der Hauptkette ein Panorama. Auch das Hilmendtal ist von Terrassen eingesäumt, was beweist, daß auch dieser Fluß früher viel größere Wassermengen führte ([Abb. 25]). Wohin man auch in Afghanistan kommt, überall findet man die Hinweise auf ein ehemals viel feuchteres Klima. Nur die allerhöchsten Bergketten scheinen während der Eiszeit stärker vergletschert gewesen zu sein. Sonst äußerte sich die Eiszeit in gewaltigen Niederschlägen; große Flüsse müssen das Land durchzogen und viele Seen bestanden haben. Doch dies sind Fragen, die ausführlich in meinem wissenschaftlichen Werke behandelt werden sollen.

Vor uns, südlich vom Flusse, sehen wir den Anstieg zu einem hohen Passe; eine große Kamelkarawane zieht gerade hinauf; auch wir folgen diesem Wege. Schnee, Schnee und wieder Schnee! Wir sind jetzt über 3000 Meter hoch. Kurz vor Jaokul treffen wir auf die große Straße, die von Turkestan kommend über Bamian – den Hajigakpaß – Jaokul nach Kabul geht. In dem Karawanserai von Jaokul ist daher viel Leben, und nur mit Mühe finden wir hier Platz. Die Leute hier sind überdies sehr unfreundlich und die Lebensmittelpreise hoch.

Nach einer kalten Nacht brechen wir morgens gegen fünf Uhr auf. Es ist Vollmondschein, und infolge des vielen Schnees ist es sehr hell. Der Weg vom Robat bis auf die Paßhöhe des Unai steigt langsam an; in der frischen Morgenluft bereitet das Gehen eine wahre Freude. Eine tief eingeschneite Hochgebirgswelt umgibt uns ([Abb. 23]). In einem kleinen Seitentälchen, das den Weg kreuzt, finden wir einige Gräber. Einfache Steinplatten und Felsblöcke sind aufeinandergehäuft, und an Kopf- und Fußende sind zwei hohe Steinplatten in den Boden gesteckt. Juma, der schon in früheren Zeiten durch Jaokul gereist ist, erzählt uns folgende Geschichte:

Es war in einer Winternacht, als eine große Karawane, von Turkestan kommend, in diesem Tälchen das Lager aufschlug. Die Kamele ließ man sich in Reih und Glied nebeneinanderlegen, nachdem ihnen die Lasten abgenommen waren. Wachtfeuer wurden angezündet, Tee gekocht und der Pilau zubereitet. Dann ging man schlafen. Die Karawane brachte die Staatseinnahmen von Turkestan nach Kabul, und war sogar von Soldaten begleitet. Nachts hörte man plötzlich das Getrappel von Pferden, und ehe man wußte, was los war, fiel eine starke Räuberbande über das Lager her. Es kam zu heftigen Kämpfen, in deren Verlauf die Räuber die Oberhand behielten, zahlreiche Begleiter der Staatskarawane erschossen und mit dem Raub in die Berge verschwanden. Trotz eifrigen Suchens und Nachforschens ist es nie gelungen, der Räuber habhaft zu werden.

Kurz vor der Paßhöhe sahen wir noch einen Wolf, der an einem Pferdeskelett herumzerrte, aber Reißaus nahm, sobald er uns erblickte. Tief unter uns in einem eingeschneiten Seitental glaubten wir ebenfalls zwei Wölfe zu sehen, aber als wir das Fernglas zu Hilfe nahmen, erkannten wir, daß es zwei große gelbe Hunde waren. Gerade als wir auf der Paßhöhe anlangten, ging die Sonne auf. Im Westen war der Himmel noch dunkel, und der Vollmond stand silberhell über den Bergen; im Osten aber war der Himmel hellgrüngelb gefärbt. Der Sonnenaufgang bot immer so unvergeßlich schöne Bilder, daß ich immer wieder darauf hinweisen muß. Erst wenn man von allen Fesseln der Zivilisation losgelöst ist und ganz frei die Schönheiten der Erde auf sich einwirken lassen kann, gleichsam mit der Natur eins wird, sie miterlebt, lernt man die Erde und das Leben lieben.

Mit dem Unaipasse haben wir den letzten hohen Paß auf dem Wege nach Kabul überschritten, und wir steigen jetzt hinab in tiefere, wärmere Regionen. Schon nach kurzer Zeit bemerken wir den Wechsel in der Vegetation. Wir sind in das Gebiet des oberen Kabulflusses eingetreten. Hohe Pappeln säumen den Lauf des Flusses ein, und als wir an einem kleinen Hain von 20 bis 30 dieser Bäume vorbeireiten, rufen die Afghanen begeistert: Jängäl, jängäl Wald, Wald!

Am Wege waren kleine Verkaufsbuden aufgeschlagen, in denen Tee, Brot und Früchte zu haben waren. In einem schönen Verkaufsladen oder besser einer Teestube steigen wir ab, setzen uns auf den Teppich und lassen uns Tee bringen. Die Sonne scheint ordentlich warm; es kommt uns vor, als ob wir plötzlich wieder in den Sommer versetzt sind. Gestern früh hatten wir noch fast –20 Grad, und heute will die Sonne uns verbrennen.

Als wir weiterzogen, gerieten Mesjidi Khan und Gul Mohammed in einen heftigen Streit. Wir ritten alle ganz vergnügt, als plötzlich Mesjidi Khan vom Pferde stieg und Gul Mohammed zu Boden warf. Dieser, nicht faul, griff Mesjidi Khan ans Bein, so daß er zu Fall kam, und dann kugelten sie alle beide im Schmutze herum! Unter Püffen und Schlägen, Kneifen und Beißen wurde dieser Kampf ausgefochten, bei dem schließlich Gul Mohammed dem gewandten Mesjidi Khan unterlag. Die beiden Kampfhähne warfen sich den ganzen Tag noch Schimpfworte an den Kopf.

Gegen elf Uhr passierten wir das Robat Ser-i-tscheschme, ließen es aber links liegen. Bis zum Robat Kute Eschrau ritten wir in Begleitung zweier kleiner Jungen, die zusammen auf einem Esel saßen. Sie sangen sehr hübsche Lieder und waren sehr lustig und übermütig. Manchmal ließen sie den Esel galoppieren; aber einmal wurde das kleine Grautier störrisch, und beide Jungen lagen auf der Straße und wälzten sich im Staub. Der arme Esel mußte aber diese Schandtat schwer büßen, denn er wurde dafür sehr geschlagen und mit Steinen bombardiert.

Abends wurde im Robat große Toilette gemacht; wir zogen neue Wäsche an und rasierten uns, weil wir morgen in Kabul einziehen sollten. Große Räubergeschichten wurden erzählt, und Gulam Ali bestand darauf, daß ich meinen Revolver und Mesjidi Khan sein Gewehr in Ordnung brachten. Dann gingen wir früh schlafen.