Der letzte Tagesmarsch nach Kabul! Wir erhoben uns schon früh und brachen um fünf Uhr auf. Es war wieder sehr kalt. Auf den Bergen lag nur wenig Schnee, aber wir waren auch schon mehr als tausend Meter wieder bergab gestiegen. Der Sefid-Chakpaß, den wir am Morgen überschritten, ist ebenso berüchtigt wie der Unai. Mesjidi Khan sah in jedem Entgegenkommenden einen Räuber und hielt sein Gewehr immer schußbereit in der Hand.

Langsam zogen wir durch große Blockmeere nach der Paßhöhe hinauf. Aber kein Räuber zeigte sich; nur hin und wieder begegneten uns Karawanen oder einige Hesares. Viele trugen ein langschäftiges Beil, das ihnen im Kampfe mit Wölfen als Waffe dient. Auch trafen wir einen einsamen Wanderer in zerlumpten Gewändern, der mit einem Speer bewaffnet war. Als wir dicht unter der Paßhöhe waren, sahen wir in den Felsen einige mit Flinten bewaffnete Burschen liegen; aber sie entpuppten sich als die von der Regierung hier stationierten Schutzposten, die beinahe uns für Räuber angesehen hätten.

Auf der Paßhöhe ruhten wir uns etwas aus und warteten, bis auch Gul Mohammed mit den Lasttieren kam. Wild, öde und zerrissen ist auch hier die Bergwelt, die in Schutt gehüllt ist und in der man kaum ein Fleckchen Grün zu sehen bekommt. Etwas unter uns sahen wir ein Lehmfort. Als wir dieses passierten, hielt man uns an, und wir mußten in einem großen Buche bescheinigen, daß auf dem Passe alles in Ordnung war und wir keine Begegnung mit Räubern gehabt hatten.

Je weiter wir ritten, desto lebhafter wurde der Verkehr auf der Straße. Karawane folgte auf Karawane, und wir begegneten auch zwei Arbeitselefanten. In einer kleinen Teestube zur Seite der Straße machten wir wieder Mittagsrast. Dann ging es weiter. In der Sonne war es sehr schön warm, und das Reiten machte wirklich Vergnügen.

24. Das Hilmendplateau

Gegen zwei Uhr zeigte mir Gulam Ali Babur Bagh, wo jetzt die deutsche Gesandtschaft untergebracht ist ([Abb. 39]). Vor meiner Ausreise hatte ich einige Bilder von Kabul gesehen, und ich erkannte die zwei charakteristischen Berge, deren Kämme die Ruinen der alten Befestigungen tragen. Zwischen beiden Bergen hat sich der Kabulfluß einen schluchtähnlichen Durchgang geschaffen.

25. Rast bei Fahrahkol

Kurz bevor wir die Stadt betraten, hatten wir noch das Zollwächterhaus zu passieren, und ein Zollbeamter geleitete uns durch finstere enge Winkel des Basars nach dem Zollamt, wo unser Gepäck erst einmal unter zollamtlichen Verschluß genommen wurde. Mesjidi Khan holte inzwischen einen Wagen und hatte auch ausfindig gemacht, wo meine Kameraden weilten. Schon nach einer Viertelstunde, als wir auf einer großen von hohen Bäumen eingefaßten Chaussee dahinfuhren, traf ich Blaich, der mich freudig begrüßte, und war so wieder mit meinen Kameraden vereint, von denen ich zweieinhalb Monate getrennt gewesen war.