26. In der Hilmendschlucht

Im Winter, von Dezember bis Mai, ist der Weg durch das Hesarajat, den ich in den letzten beiden Kapiteln beschrieben habe, infolge starker Schneefälle gesperrt, und alle Karawanen, die von Herat kommen, müssen dann den großen Umweg über Kandahar machen, den auch meine Freunde zurückgelegt hatten. Wie furchtbar die Strapazen einer Durchquerung des Hesarajats im Winter sind, zeigen uns am besten die Berichte des indischen Großmoguls Baber (1483–1530), die in seinen Memoiren niedergelegt sind und die ich hier auszugsweise wiedergeben möchte; es heißt dort:

– – – »Von dem Augenblicke an, wo wir Lenger verließen, schneite es ständig bis nach Chekh Cheran (Gegend von Dauletjar). Je weiter wir zogen, um so tiefer wurde der Schnee. Bei Chekh Cheran reichte er den Pferden schon bis an die Knie … Zwei oder drei Tagereisen nach dieser Gegend wurde der Schnee außerordentlich tief; an vielen Stellen fanden die Pferde keinen festen Boden unter den Füßen, und es schneite immer noch … Sultan Bischâi war unser Führer. Er verlor den Weg und konnte ihn nicht wiederfinden. Am nächsten Tage war der Schnee so tief, daß wir trotz aller Anstrengungen den Weg nicht wiederfanden. Wir konnten weder vor- noch rückwärts … Eine ganze Woche lang fuhren wir fort, den Schnee niederzutreten und konnten trotzdem nicht mehr als zwei bis drei Meilen am Tage zurücklegen. Ich selbst half mit, den Schnee niederzutreten. Bei jedem Schritt sanken wir bis an die Brust ein. Da die Kraft desjenigen, der zuerst ging, nach ein paar Schritten schon erlahmte, mußte er sich bald ablösen lassen. Auf ihn folgten 10 bis 20 Mann, die den Schnee niedertraten, und darauf folgte ein unbemanntes Pferd, das bis zum Sattelgurt einsank. Hatte es 10 bis 15 Schritte gemacht, so war es total erschöpft.«

27. Blick vom Kuh-i-Asmai auf die Kabul-Ebene
(Im Hintergrunde die Paghmankette)

Nach ein paar Tagen erreichten sie dann einen Ort, namens Anjukan, und von dort aus gelangten sie an eine Höhle, Khawal genannt, am Fuße des Zirinpasses. Alle diese Orte müssen in den Gebirgen gelegen haben, die sich zwischen Akserat und Bamian ausdehnen. Es heißt dann weiter in dem Bericht:

»Die ersten Truppen erreichten Khawal noch bei Tage. Gegen Abend und noch nachts kamen immer mehr Nachzügler an, und jeder mußte dort halten, wo er gerade war. Manche mußten im Sattel den Morgen erwarten. Die Höhle war klein. Mit einer Hacke schaufelte ich den Schnee vor der Höhle fort und schuf mir so ein Lager. Ich grub mich bis zu den Achseln in den Schnee ein und erreichte den Erdboden nicht. Dieses Schneeloch gab mir etwas Schutz vor dem Winde. Einige wünschten, ich solle in die Höhle gehen, aber ich wollte nicht. Ich fühlte, daß es unvereinbar wäre mit dem, was ich ihnen schuldete, wenn ich in einem warmen Raume bequem untergebracht sein sollte, während meine Soldaten inmitten von Schnee und Sturm sich draußen befanden. Es war nur gerecht, daß ich alle Leiden und Beschwerden, denen sie unterworfen waren, mit ihnen teilte. Es gibt ein persisches Sprichwort, das lautet: ›Tod in Gesellschaft guter Freunde ist ein Fest!‹ Daher blieb ich bis zum Nachtgebet im Schneetreiben sitzen; der Schnee fiel so dicht, daß bald Kopf, Lippen und Ohren zehn Zentimeter dick mit Schnee bedeckt waren. In dieser Nacht zog ich mir ein schweres Ohrenleiden zu.«

Gerade zur Zeit des Nachtgebets hatte eine Gruppe seiner Leute ausfindig gemacht, daß die Höhle groß genug war, um alle Mann aufzunehmen.

Diese Schilderung gibt uns ein anschauliches Bild von den Gefahren, die den Reisenden im tiefen Winter auf dieser Straße erwarten.