VII
KABUL

Kabul, die Hauptstadt Afghanistans und Residenz des Emir, liegt in einer großen, fruchtbaren Ebene, die von einem Kranze hoher Berge eingefaßt ist ([Abb. 27]). Kommt man von Westen – von Herat –, so sieht man die Stadt erst im letzten Augenblick, da die zwei Bergrücken, der Kuh-i-Asmai und der mit den Ruinen der Bala Hissar gekrönte Scher Derwase-Berg, die Aussicht auf das Stadtbild sperren.

Obgleich Kabul sicher schon in ältesten Zeiten besiedelt war, finden wir keine Bauten aus alter Zeit; wir vermissen die schönen, mit blauen Kacheln belegten Minarette und Kuppelbauten, wie wir sie in Herat sahen. Ganz Kabul ist ein graues Lehmhäusermeer, aus dem einige mehr in europäischem Stil gebaute Häuser das eintönige Graubraun der Lehmwände unterbrechen ([Abb. 30]). Es gibt schöne, breite Straßen, die von Pappeln und Maulbeerbäumen eingefaßt sind, aber auch düstere enge Gassen, die selbst am hellen Tage so dunkel sind, daß man dort nur langsam gehen kann und ständig aufpassen muß, daß man nicht mit dem Fuß in ein Loch oder eine Grube gerät. Malerische Partien gibt es auch am Kabulfluß, der die Stadt durchschneidet und an dessen Ufer schöne Promenadenwege sich hinziehen.

Die großen Straßen werden sowohl vor Sonnenaufgang wie kurz vor Sonnenuntergang besprengt. Zu beiden Seiten der Wege ziehen sich Gräben hin, deren Wasser dann einfach auf die Straße herausgeschaufelt wird. Waren die Leute gerade mit dieser Arbeit beschäftigt, so mußte man stets aufpassen, daß man keine Dusche bekam; denn trotz des großen Verkehrs ließen sie sich nie in ihrer Tätigkeit stören.

Die Häuser sind meistens zweistöckig und im Grundriß viereckig gebaut. Sie haben aber allgemein nur einen Eingang, der durch schwere Holztüren, meistens Doppeltüren, verschlossen werden kann. Richtige Schlösser kennen die Afghanen nicht; an den Innenseiten der Türen sind meistenteils schwere Ketten angebracht, die man beim Verschließen der Tür über einen Haken hängt, der an der Innenseite der anderen Tür befestigt ist. Auch die Zimmertüren werden so geschlossen; nur legt man, wenn man das Zimmer von außen verschließt, ein Vorhängeschloß an die Kette.

Der Innenhof, durch den oft ein kleiner Wasserarm fließt und den manchmal ein Blumengarten ziert, wird also von vier Mauern eingefaßt, und fast alle Zimmer des Hauses haben ihre Fenster dem Hofe zugekehrt. Meistenteils führen drei oder vier verschiedene Treppen von diesem aus ins Haus nach den betreffenden großen Wohnräumen. Diese sind aber selten untereinander verbunden, und wenn man von einem Zimmer ins andere wollte, mußte man stets erst wieder den Hof betreten und eine andere Treppe hinaufgehen. Daher sind die Häuser sehr kompliziert gebaut, und ich habe wohl nie so viel Treppen steigen müssen wie in Kabul. Die zwei beigefügten Skizzen geben ein besseres Bild von der Bauart der Kabuler Häuser als viele Beschreibungen.

Im Sommer hielten wir uns abends immer auf dem flachen Dache auf, wo es kühler und nicht so stickig war wie in den Räumen im Erdgeschoß.

Die Häuser sind durchweg aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln gebaut, die durch Holzfachwerk zusammengehalten werden. Ist das Grundgerüst fertig, so werden die Wände mit »Gil«, d. h. mit Lehm, dem feingeschnittenes Stroh beigemengt wird, überlegt und dadurch alle noch vorhandenen Öffnungen geschlossen. Bei älteren Häusern findet man oft sehr schön geschnitzte Fenster. Viele Häuser haben nach der Straße zu kleine Balkons, von denen aus man dem bunten Treiben zusehen kann ([Abb. 34]).

Später, wenn der Gilbelag getrocknet ist, werden die Wände weiß getüncht. Die Decken werden meist aus Matten hergestellt, die man über die Querpfosten legt. Dann wird eine dicke Schicht Lehm darüber ausgebreitet, und das Dach ist fertig. Im Winter, wenn der Schnee taut und der Gil durchweicht ist, dringt das Wasser natürlich auch durch die Matten, die ebenfalls durchnäßt werden, und es konnte passieren, daß einem von der Decke ein Klumpen Lehm auf den Kopf fiel. Als wir im Winter diese Erfahrungen gemacht hatten, entschlossen wir uns, eine noch dickere Lehmschicht auf das Dach zu legen. Diese Arbeit ging schnell vor sich.

Vor unserem Hause wurde einfach eine große Grube gegraben, von dem nächsten Graben etwas Wasser hineingeleitet, bis ein dicker Schlammsee sich gebildet hatte. 5 bis 6 Mann stiegen dann in die Lehmsuppe und schaufelten das Erdreich um. Darauf wurde der Lehm in Eimer geschüttet, die mit Stricken aufs Dach gezogen und dort einfach ausgeleert wurden.