Ein Gang durch den Basar zeigt uns am besten das Leben in Kabul. Den ersten Eindruck erhielt ich, als ich von Herat kommend, auf meinem Wasiri durch die engen Gassen getragen wurde. Das Bild war sinnverwirrend, und es dauerte lange Zeit, ehe ich mich in dem Gewirr der Gassen und Straßen Kabuls zurecht fand. An den meisten Stellen sind die Straßen durch einfaches Holzfachwerk überdeckt, über das Matten gelegt sind. Das Ganze gibt ein Bild, wie es unsere Jahrmärkte bieten. Verkaufsstand reiht sich an Verkaufsstand. Aber die Kaufleute stehen nicht hinter den Ladentischen, sondern hocken mit untergeschlagenen Beinen in ihren Ständen. Viele, die sich keinen Laden leisten können, sitzen an den Straßenecken und bieten dort ihre Waren an: Streichhölzer, Brot, kleine Kuchen und Obst ([Abb. 35]). Stets war das Gedränge sehr groß, und paßte man nicht auf, so wurde man sicher angerannt, denn Ausweichen vor Europäern kennen nur wenige Afghanen. Und inmitten der Menschenmenge trippeln Esel, mit Holz, Backsteinen oder Häcksel beladen, ziehen Kamelkarawanen langsamen Schrittes dahin, oder bahnen sich Reiter herrisch den Weg. Ständig schwirren die Rufe: »Chaberdar, chaberdar!« Vorsicht, Achtung! durch die Luft oder das »Paiseh bideh, Paiseh bideh!« der Bettler ([Abb. 32]).

Wollte man etwas kaufen, so mußte man lange handeln. Während die Inder für ihre Ware Reklame machen und den Vorübergehenden anrufen, sitzen die Afghanen ruhig in ihren Ständen, trinken Tee und rauchen die Wasserpfeife. Manchmal sah es fast so aus, als ob ihnen Kundenbesuch gar nicht genehm wäre; wurden sie doch dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem beschaulichen Dasein gestört.

Hatte man die Absicht etwas zu kaufen, so bot man den dritten Teil der Summe, die der Händler verlangte. Dann schüttelte dieser wohl den Kopf und legte das betreffende Stück wieder fort. Man verabschiedete sich und ging; aber kaum war man ein paar Schritte fort, so wurde man zurückgerufen. Dann begann das Handeln von neuem. Der Händler bot zwei Drittel der zuerst genannten Summe, und man gab ebenfalls etwas zu. Eine Einigung kam aber meistens auch dann noch nicht zustande. Kam man zum zweiten Male, so wußte der Händler schon ganz genau, was man wollte; holte das Stück hervor, und wieder begann das Handeln und Feilschen. Manchmal lud er einen auch zum Tee in seinen Verkaufsstand ein, wo man sich ebenfalls am Boden hinhockte und in aller Gemütlichkeit sich gegenseitig Komplimente machte und so lange handelte, bis man das gewünschte Stück zum halben Preise erstand. Nur ganz wenige Händler gab es, die feste Preise hatten.

Wollte man Geld wechseln, so besuchte man ebenfalls einen Geldwechsler nach dem anderen. Sie haben ihre Stände im Zentrum des Basars. Sobald sie sahen, daß man Geld wechseln wollte, riefen sie einen an, denn jeder wollte das Geschäft machen. Hier konnte man auch manchmal alte griechisch-baktrische Münzen erstehen; aber sie waren meistens schlecht erhalten und stark abgegriffen.

28. Deh-i-Afghanan in Kabul

Einige Verkaufsstände waren richtige kleine Warenhäuser, in denen man alle möglichen europäischen Waren erhalten konnte; von Zahnbürsten und Chlorodont angefangen bis zu französischen Parfüms, Eismaschinen und kleinen Harmoniums. Jedes Handwerk und Gewerbe hat seinen bestimmten Bezirk. Da sind 6 bis 8 Verkaufsstände nebeneinander, in denen die Kupferschmiede ihrer Arbeit nachgehen und hübsche Teller und Schüsseln herstellten. Hier herrschte immer ein ohrenbetäubender Lärm, so daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Gegenüber sitzen die Sattler und weiter nach dem Zentrum des Basars zu die Tuch- und Teppichhändler. Aber nur selten fand man hier ein wirklich schönes, preiswertes Stück, wie zum Beispiel feine zierliche Mauris mit ihren bunten Mustern und tiefblaurote Heratis, die oft einen so feinen weichen Glanz haben.

Bunt sah es bei den Färbern aus; da standen die großen Bottiche mit den tiefgrünen, roten oder blauen Lösungen, und hoch über der Straße waren Stricke gespannt, an denen die frischgefärbten Tücher im Winde flatterten.

29. An Kabulfluß