Am interessantesten aber war es wohl im Trödlerbasar. Da konnte man manchmal seltsame Dinge sehen, die auf rätselhafte Weise ihren Weg nach Afghanistan gefunden haben mußten, wie Mausefallen, alte Musikinstrumente, vergilbte Bilder von europäischen Herrschern, alte englische Uniformen, Kürassierhelme, englische und französische Romane, ja selbst Rothschilds Taschenbuch für Kaufleute hatte sich in einen Trödlerladen verirrt!

30. Afghanische Wohnhäuser

Sodann dürfen die Wasserpfeifenverleiher nicht unerwähnt bleiben, die an einigen Straßenecken stehen und den Vorübergehenden gegen Zahlung von einem Pais (= dreiviertel Pfennig) einen Zug aus der Wasserpfeife tun lassen. Seltsame Bilder konnte man manchmal in den Schlachterläden und öffentlichen Küchen sehen, wo oft eine Reihe gesottener Hammelköpfe einen nicht gerade appetitlichen Eindruck machte.

Nicht zu vergessen die Bettelkinder ([Abb. 31]). Ging man durch die Straßen, dann hörte man wohl plötzlich ein kleines feines Stimmchen neben sich sagen: »Sahib, paiseh bideh! Sahib, schenk mir einen Pais!« Und dann blickten einen zwei große dunkle Kinderaugen fragend an.

Noch sehe ich das eine kleine Bettelmädchen vor mir. Sie war in der ganzen Kolonie bekannt, war sicher nicht älter als 10 bis 12 Jahre und ging in Lumpen gekleidet, trug aber silberne Fingerringe. Um den Kopf hatte sie ein grobgewebtes, schmutziges Leinentuch gelegt, unter dem ihre schwarzen glänzenden Haare hervorschimmerten. Ihre Augen waren groß, schwarzbraun; manchmal blickten sie fragend, ängstlich, manchmal aber blitzte der Schalk aus ihnen. Sie wußte ganz genau, daß sie von den Europäern immer eine Kupfer- oder eine kleine Silbermünze erwarten durfte. Dann saß sie wohl manchmal stundenlang vor unserem Haustor und spielte mit ihren Kameradinnen, die gerade so arm und zerlumpt waren wie sie selbst. Mit kleinen Hammelknöchelchen spielten sie Murmeln oder amüsierten sich damit, Steine in das schmutzige Grabenwasser zu werfen. Kam ein Europäer, dann unterbrach sie sofort das Spiel, stellte sich vor den Eingang unseres Hauses, sprach mit der feinsten, klingendsten Stimme, die man sich denken kann, ihr: »Paiseh bideh«, legte das Händchen verlegen an den Mund und schaute mit unsagbar traurigen, bittenden Augen den weißen Mann an. Selten war einer so hart und ging vorüber, ohne ihr etwas zu schenken. Dann ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und lachend sprang sie wieder zu ihren Spielgefährten zurück.

Sie hatte eine kleine Freundin, die genau so schwarzes Haar und schwarze Augen hatte wie sie selbst, nur sah sie elend und krank aus. Oft hatten beide einen groben Linnensack umhängen, und dann gingen sie betteln und tobten durch die Gassen des Basars. Hier erhielten sie ein Stück trocken Brot, dort einen Apfel, hier schon etwas verfaulte Weintrauben, und dort stahlen sie ganz unauffällig ein Stückchen Kuchen. Und dann jagten sie wieder weiter. Oft traf ich die beiden in den verlassendsten Winkeln der Stadt.

Eine Beschreibung des Kabuler Basars aber würde unvollständig sein, wenn man nicht auch der vielen Hunde gedenken würde, die sich hier herumtreiben. Meistens lagen sie vor den Verkaufsständen und suchten sich immer die Stellen aus, wo die Sonne ihre hellen Flecke am Boden abzeichnete. Da lagen sie dann zu vieren oder zu fünfen beieinander und schliefen. Aus dem Wege gingen sie nie, lieber ließen sie sich treten und überfahren. Oft genug bissen sie sich. Dann hagelte es Fußtritte und Stockschläge. Viele Hunde waren räudig und boten einen grauenhaften Anblick.

Das Klima Kabuls ist infolge seiner Höhenlage sehr gesund. Im Sommer, wenn die Temperatur bis auf 35 bis 40 Grad Celsius mittags im Schatten stieg, fiel sie nachts auf 25 bis 28 Grad Celsius. Im Winter war es an manchen Tagen recht kalt, und wir konnten oft –15 bis –20 Grad Celsius ablesen. Die Niederschläge fallen im Winterhalbjahr, von Dezember bis Mai. Aber auch im Sommer zog manchmal eine Wolkenwand im Süden auf, und oft konnten wir Blitze und Wetterleuchten in dieser Gegend sehen. Sehr wahrscheinlich waren dies Ausläufer des indischen Monsuns. Gewitter gab es verhältnismäßig selten und wenn, so fehlten meistens die Niederschläge. Trotz der Höhenlage gab es aber in Kabul auch Malaria, und wir waren gezwungen, unter Moskitonetzen zu schlafen und ständig Chinin zu nehmen.

Zu erwähnen sind noch die vielen Erdbeben, die wir in Kabul erlebten, verging doch kaum ein Monat, ohne daß wir Stöße verspürten. Manchmal wurden wir nachts dadurch geweckt, dann kam es uns vor, als ob jemand unser Bett bewegte. Das schwerste Erdbeben machte ich in Dschelalabad mit.