Es war mein letzter Tag in Afghanistan. Spät abends waren wir erst in Dschelalabad eingetroffen, da wir unterwegs viele Autopannen gehabt hatten. Im Palast Bagh-i-Schahi wurde ich von einem afghanischen Oberst sehr liebenswürdig angenommen und erhielt mein Nachtquartier auf der Veranda angewiesen. Es war eine helle Vollmondnacht, wie wir sie wohl in kalten Winternächten manchmal bei uns haben. Silberweiß lag das Licht auf den Wegen und auf dem Steinboden der Veranda. Gegen zehn Uhr legte ich mich schlafen. Da höre ich plötzlich ein fernes Heulen, und ehe ich mich versehe, braust ein mächtiger Sturm über das Land hin. Keine Wolke war am Himmel. Da die Fensterscheiben in der großen Glasveranda nicht verkittet waren, so war das Klirren der Scheiben ohrenbetäubend. Trotzdem nickte ich ein wenig ein; da verspürte ich einen Erdstoß, dem mehrere folgten. Ich blieb ruhig im Bett; denn wir waren von Kabul her schon die Erdbeben so gewöhnt, daß wir uns nicht weiter darüber aufregten. Aber ich merkte, wie die Stöße immer stärker und stärker wurden, und gerade überlegte ich mir, ob ich aus dem Haus in den Garten laufen sollte, als schon große Stücke Stuck und Verputz von der Decke herunterfielen und Risse über die Wände liefen. Da eilte ich so schnell wie möglich hinaus. Auch sämtliche Bewohner des Palastes – afghanisches Militär und Diener – versammelten sich in dem vom bleichen Mondschein erhellten Hof. Wir warteten eine Viertelstunde und wagten uns dann wieder ins Haus. Wie ich später feststellen konnte, war dieses Erdbeben sowohl in Dakka wie in Peshawar und sogar bis Delhi gespürt worden.

Die vielen Erdbeben in Kabul sind sicher darauf zurückzuführen, daß sich verschiedene große Bruchlinien im Kabulbecken kreuzen. Viele der großen Ebenen Afghanistans, die innerhalb der Berge liegen, sind sicher Einbruchsbecken. In früheren Zeiten soll Kabul auch einmal von einem Erdbeben sehr heftig betroffen worden sein, so daß ein großer Teil der Stadt zerstört wurde.

Malerische Partien finden sich längs des Kabulflusses, wo tiefe Schluchten mit fruchtbaren Ebenen wechseln, die früher zum größten Teile von Seen ausgefüllt waren. Weit muß diese Zeit zurückliegen, und doch gibt es alte Sagen, die noch an diese Zeiten erinnern, wie die von der schönen Königstochter, die ihren Gemahl veranlaßte, den See, der einst die Kabuler Ebene ausfüllte, zu entleeren, um hier Gärten und Paläste anzulegen. An der Stelle, wo heute die Teng-i-Garu-Schlucht beginnt, sollen damals die Felsen gesprengt worden sein, so daß der See dadurch entleert wurde.

Die nähere Umgebung Kabuls ist sehr hübsch. Da reihen sich Gärten an Gärten und Felder an Felder, durch die sich viele kleine Bewässerungskanäle ziehen. Unter hohen und ehrwürdigen Pappeln und Maulbeerbäumen liegen die kleinen Lehmdörfer versteckt. Scharf schneiden die kultivierten Bodenstrecken, die Ebenen, von den kahlen, verwitterten Bergen ab, auf denen man nur hin und wieder einen Strauch oder eine Blume finden kann.

Am Fuße der Paghmankette, in einer Höhe von ca. 2350 Meter, liegt die Sommerresidenz des Emir. Wird es im Mai in Kabul zu heiß, so wird die Regierung nach Paghman verlegt ([Abb. 37]). Alle Ministerien müssen dann mit umziehen, und in Kabul wird es merklich still und ruhig. Paghman liegt ca. 25 Kilometer von der Hauptstadt entfernt am Fuße der hohen Bergkette, die die Ebene von Kabul beherrscht und deren höchste Gipfel, über 5000 Meter, bis in den Herbst hinein eine Schneedecke tragen. Herrliche Blumengärten gibt es hier und große alte Baumbestände, um deren Pflege sich der Hofgärtner des Emir, ein Ungar, große Verdienste erworben hat. Überall sprudeln frische Quellwasser, und im Schatten der hohen Bäume werden Erinnerungen an Deutschlands Wälder wach. Von Paghman aus soll ein Weg ins Gebirge führen, wo in großer Höhe ein kleiner See liegt, der fast das ganze Jahr über gefroren ist. In diesem Orte wird auch in jedem Jahr das Unabhängigkeitsfest, das »Jeschm« gefeiert; leider wurde es im Jahre 1924 wegen der unruhigen Lage abgesagt. Im Vergleich zu Kabul ist Paghman ein Luftkurort; die Luft ist herrlich, frisch und rein. Im Winter aber liegt es unter einer dicken Schneedecke begraben, und nur ein paar Wächter bleiben dann oben im Gebirge. Seltsam wirkt hier der von einem Türken erbaute Triumphbogen ([Abb. 40]).

Emir Amannullah Khan hat nach dem letzten englisch-afghanischen Kriege 1919 sein Land den Europäern geöffnet. Deutsche Ingenieure bauen Straßen, deutsche Architekten die neue Stadt Darulaman. Eine deutsche Ärztemission leitet die Hospitäler, und die oben schon erwähnte deutsch-afghanische Kompanie versucht, Handel und Wirtschaft Afghanistans in neue Bahnen zu lenken. Eine deutsche und eine französische Schule sind gegründet worden. Auch Italiener stehen im Dienst des Emir; viele aber verließen im Herbst 1924 das Land.

Der Emir hat den aufrichtigen Wunsch, sein Land in jeder Weise zu heben; aber er möchte zu viel auf einmal erreichen. Große Pläne und große Ideen schweben ihm vor, aber um sie durchführen zu können, gehört viel Geld. Am notwendigsten für das Land ist zweifellos der Ausbau des Wegenetzes und der Bau guter Straßen, damit die Transportverhältnisse besser und billiger werden. Ein kühner Plan ist der Bau der Straße längs des Kabulflusses. Dort werden an die Ingenieure die höchsten Anforderungen gestellt, denn der Kabulfluß durchbricht die hohe Bergwelt, die sich zwischen Kabul und Dschelalabad ausdehnt, in tiefen Schluchten.

Der Bau der neuen Stadt hat viel Anlaß zu Meinungsverschiedenheiten gegeben ([Abb. 43], [53]). Zweifellos wird es notwendig sein, später einmal eine neue Stadt zu bauen; aber im Augenblick warten wichtigere Aufgaben der Lösung. Sicherlich ist doch ein großer Teil der Bevölkerung durch den Bau dieser neuen Stadt, der viel Geld verschlingt, mißgestimmt, und die Mollahs – die mohammedanischen Priester – nutzen dies aus und hetzen im stillen; denn sie sind noch nicht damit ganz einverstanden, daß die Europäer ins Land gezogen werden.

Im allgemeinen kam die Bevölkerung den Europäern freundlich entgegen, wenn es auch Ausnahmen gab. Besonders die Polizisten schienen es manchmal geradezu darauf anzulegen, sich den Europäern möglichst unfreundlich zu zeigen. In Kabul konnte man sich ungehindert frei bewegen und ruhig allein in den Basar gehen; selbst in den finstersten Stadtteilen bin ich unbelästigt umhergegangen, und es wird kaum von einem Notiz genommen.

Von den Frauen Kabuls habe ich nur wenige gesehen. Sie gehen tief verschleiert und sind in große, hellblaue oder weiße pelerinenartige Gewänder gehüllt. Nach den Kindern zu urteilen, müssen sie sehr hübsch sein. Unter den Nomadenfrauen, die unverschleiert gehen, sieht man tatsächlich sehr schöne Gestalten. Sie haben große Ähnlichkeit mit den Zigeunern, feine ovale Gesichter, dunkle Augen, tiefschwarzes Haar. Die alten Frauen aber sind sehr häßlich; man sah wohl dann und wann das Gesicht einer der alten Bettlerinnen, die auf der Promenade längs des Kabulflusses hockten und dort stumpfsinnig, den Kopf in die Hände gestützt, ständig ihr »Paiseh bideh« murmelten.