Anfang Oktober hatten die Regierungstruppen große Erfolge zu verzeichnen; Gärdes wurde frei, Hisarek genommen und die Aufständischen über den Altimurpaß nach Süden gedrängt.
Im November fand eine Zusammenkunft zwischen Abgesandten des Emir und den Aufständischen in Dschelalabad statt, führte aber zu keinem Ergebnis, so daß die Kämpfe fortgesetzt wurden. Ende des Jahres brach der Aufstand zusammen. Die Strafen, die über die Mangals verhängt wurden, waren furchtbar. 1575 Männer wurden hingerichtet, 600 Frauen nach Kabul verschleppt, 3000 Häuser dem Erdboden gleichgemacht und niedergebrannt. So ist der Stamm der Mangals für lange Zeit lahmgelegt worden und wird sich sobald nicht wieder erheben können.
Furchtbar sind überhaupt alle Strafen, die in Afghanistan verhängt werden. Räubern und Dieben wird die Hand abgeschlagen und der Stumpf in siedendes Öl gesteckt. Die Todesstrafe wird durch Hängen vollzogen oder dadurch, daß man den Delinquenten vor die Kanone bindet. Von unserem Hause aus sahen wir einen flachen Hügel, der sich hinter der Ark erhebt. Dort fanden die Hinrichtungen statt. Eine Riesenmenschenmenge strömte dann herbei, um das blutige Schauspiel mit anzusehen. Eines Nachmittags wurde eine ganze Reihe hingerichtet. Kanonenschuß folgte auf Kanonenschuß. Ein Freund von mir, der gerade an dem Berge vorbeiritt, sah zufällig, wie die Stücke des zerfetzten Körpers in die Luft gerissen wurden. Übrigens ist es nicht ganz ungefährlich, in der Nähe zu weilen. In Kandahar soll es vorgekommen sein, daß ein Mann, der bei der Vollstreckung des Urteils zugegen war, von dem losgerissenen Arm des Verurteilten derart an den Kopf getroffen wurde, daß er auf der Stelle tot war. Auch die Todesstrafe durch Steinigen ist noch nicht abgeschafft. Im vorigen Jahre wurden verschiedene Leute auf diese Weise hingerichtet. Grausam waren die Strafen, die die früheren Emire austeilten. Ein paar Beispiele mögen dies veranschaulichen.
Wir hatten uns in Kabul einen großen Stall gemietet, dessen Besitzer ein alter Afghane war. Er hatte sich früher irgendeines Verbrechens schuldig gemacht – was es war, weiß ich nicht mehr – und wurde dadurch bestraft, daß ihm die Augenlider zusammengenäht wurden. Wie diese grausame Prozedur vor sich gegangen sein mag, kann man sich denken; denn daß man keine Operationsnadel dazu nahm, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Später wurden die Lider wieder aufgeschnitten. Er trug eine große, dunkle Hornbrille; einmal wohl zum Schutz der Augen, sodann, damit man seine verstümmelten Augen nicht so sehen konnte. Einen anderen interessanten Fall berichtet Thornton in seinem Buche: Notes from an Afghan Scrap Book:
Eines Tages wurde vor Emir Abdur Rahman ein Bäcker gebracht, der zu leichtes Brot verkauft hatte. An jenem Tage war der Emir gerade in guter Stimmung; er schalt den Bäcker einen Betrüger und sagte dann zu ihm: »Kein Mensch kann im Leben vorwärtskommen, wenn er nicht ehrlich ist. Geh, arbeite, wie es der Koran vorschreibt!«
Ein paar Wochen später wurde derselbe Mann wieder vor den König gebracht; er war desselben Vergehens wegen angeklagt. Dieses Mal sagte der Emir: »Du bist nicht nur ein Betrüger, sondern ein Schurke! Du zahlst 3000 Rupien, 3000 Annas und 3000 Pais (ca. 5000 Mark). Diese Strafe wird für dich so hart sein, daß du nie wieder vor mir zu erscheinen brauchst.«
Einige Monate später aber geschah es, daß derselbe Mann trotzdem wieder vor den Emir gebracht wurde. Da aber war Abdur Rahman in finsterer Stimmung. Er sagte: »Komm einmal her, mein Freund, du bist ein Bäcker, nicht wahr!« »Jawohl, Sahib.« »Und deine Brote haben nicht die vorgeschriebene Größe?« »Nein, Sahib.« »Nun, dann muß in deinem Backofen zuviel Platz sein«; und in leidenschaftliche Erregung ausbrechend, rief der Emir: »Führt ihn fort und backt ihn in seinem eigenen Ofen!« Diesem Befehl wurde sofort Folge geleistet.
Als ich eines Abends nach Hause kam, hörte ich, daß einer der in Staatsdiensten stehenden Italiener einen afghanischen Polizisten erschossen hatte. Wegen eines kleinen Vergehens – die einen sagten, er habe einem Postbeamten eine Ohrfeige versetzt, die anderen, er habe einem Tongafahrer das Fahrgeld zu zahlen verweigert, da er es unverschämt hoch fand – sollte er von Polizisten vor den Kotwali – den Polizeipräsidenten – gebracht werden. Piperno – so hieß der Italiener – wollte sich aber nicht wie ein Verbrecher durch die Stadt führen lassen und weigerte sich mitzugehen. Als die Polizisten ihn daraufhin festnehmen wollten, riß er sich los und verschloß sich in sein Zimmer. Darauf versuchten sie das Haus zu stürmen. In seiner Erregung schoß nun Piperno durch die Holztür, die die Polizisten mit ihren Bajonetten aufbrechen wollten, und traf dabei einen derselben tödlich. Darauf erbrachen die anderen die Tür und schleppten den Italiener auf die Polizeipräfektur. Er wurde nun zunächst im finstern Gefängnis untergebracht und nach langen Verhandlungen zum Tode verurteilt. Man wandte sich an die höheren Instanzen, aber auch die bestätigten das Urteil.
Eines Morgens kamen unsere Diener und sagten, der Italiener werde zu Tode gesteinigt, ob sie hingehen und sich das Schauspiel ansehen dürften. Aber die Vollstreckung des Urteils wurde aufgeschoben. Einen Ausweg gab es noch, um das Schlimmste zu verhüten. Man konnte den »Mörder« loskaufen. Das übliche Lösegeld beträgt ca. 7000 bis 10 000 Rupien (5600 bis 8000 Mark), und schließlich gelang es auch, zu der Summe von 15 000 Rupien (12 000 Mark) die Angehörigen des Polizisten zu bestimmen, auf das Blut des Italieners zu verzichten.
Manchmal, wenn wir abends spät von einem Spaziergang am Gefängnis vorbeikamen, sahen wir aus den kleinen finsteren Räumen flackernden trüben Lichtschein in das Dunkel der Nacht dringen. Vor dem Eingange standen afghanische Polizisten in dunkelroten Uniformen mit schwarzen Aufschlägen und schwarzen Lammfellmützen. Das Ganze machte einen trostlos finstern Eindruck. Außer dem Gesandten und dem italienischen Arzte durfte kein Europäer den Italiener besuchen. Nachts schlief eine Wache in demselben Raume. Ich malte mir aus, welch furchtbare Stunden der Gefangene hier wohl durchleben mochte, Stunden, Tage, Wochen furchtbarster Ungewißheit. Als ich im Herbst Kabul verließ, saß er immer noch im Gefängnis. Wir alle hofften damals, daß er bald in Freiheit gesetzt werden würde; aber seine Leidensgeschichte sollte so bald nicht zu Ende gehen.