Seit meiner Rückkehr aus Afghanistan hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Da brachten in den Junitagen die Tagesblätter die Nachricht, daß Piperno umgebracht worden war. Folgendes konnte ich in Erfahrung bringen:
Als man sich über das Sühnegeld geeinigt hatte, wurde der Italiener eines Tages auf den Richtplatz geführt, wo er niederknien mußte und vom Richter dem Schwager des Getöteten übergeben wurde. Dieser zog sein langes Messer und warf es dann mit den Worten zu Boden: »Ein Afghane beschmutzt sich nicht die Hand mit dem Blute eines Ungläubigen.«
Nach afghanischem Gesetz hätte Piperno nun noch zehn Jahre im Gefängnis absitzen müssen. Man kann verstehen, daß er schließlich einen Fluchtversuch unternahm, der durch Bestechung der Wachen glückte.
Er soll bis zur Grenze gekommen sein, dann aber brach er zusammen. Der Sprache unkundig, von Sorgen und Kummer seelisch niedergedrückt, stellte er sich freiwillig wieder den afghanischen Behörden. Diese brachten ihn wieder nach Kabul zurück ins Gefängnis. Hier blieb er einige Tage, dann holten sie ihn in aller Stille heraus und richteten ihn hin. Die Europäer und die italienische Gesandtschaft erfuhren von der Hinrichtung erst, als schon alles vorbei war.
Anfang Oktober verließ ich Kabul und begab mich über Dschelalabad-Peshawar nach Delhi, wo ich am 6. Oktober eintraf.
XVI
INDIENS MÄRCHENPRACHT
a) Delhi
Morgens, in aller Frühe, traf ich in der Hauptstadt Indiens ein. Ein Tonga brachte mich durch die stillen, noch unbelebten Straßen nach dem kleinen Hotel Albion, das im Kudziagarten, unter hohen Bäumen versteckt, gelegen ist. Die Luft war klar und rein, und es duftete nach Blumen und frisch geschnittenem Gras.
Nach dem Frühstück fuhr ich mit dem Boy in die Stadt. Die roten Straßen leuchten aus dem dunklen Grün der Mango-, Bananen- und Feigenbäume hervor, und sie werden überall mit Wasser besprengt, was eine angenehme Kühle verbreitet. Wir fahren durch das berühmte Kaschmirtor, in das 1857 beim großen Aufstand von den Engländern die erste Bresche geschlagen wurde. Im Gegensatz zu Kabul und Peshawar fällt mir sofort die bunte Tracht der Inderinnen auf. Bei den Frauen herrscht Dunkelrot und Gelb vor; sie haben ein großes Tuch – den Sari – um den Körper geschlungen, und Arme und Füße sind mit schweren silbernen Ringen geschmückt. Ihr Gang ist königlich stolz; aber ihre Gesichter sind längst nicht so schön, wie die der Frauen Peshawars und Afghanistans.
Auf den Straßen sehen wir das typische indische Bild: Ochsen- und Zebukarren, Tongas, Autos, Händler, die ihre Waren anbieten, ganz vereinzelt auch einen Europäer in weißem Tropenanzug. Alles geht ruhig und geordnet zu, und es kommt mir vor, als ob es Sonntag ist. In den Anlagen turnen Affen auf umgestürzten Baumstämmen umher, und kleine, grauschwarz gestreifte Eichhörnchen sieht man auf Schritt und Tritt. Kinder, manchmal ganz nackt, spielen am Straßenrande; Männer sitzen im Kreise im Schatten der hohen Bäume; spielen, rauchen Wasserpfeife, plaudern oder schlafen. Hin und wieder sieht man auch, wie in Afghanistan, eine ganz verschleierte Frau.