Die Hauptstraße Delhis ist die Chandni Chauk, an die sich manch traurige Erinnerung knüpft. Hier wird einem noch der Platz gezeigt, wo 1738 der Perserkönig Nadir Schah mit gezogenem Schwerte stand und zusah, wie seine Soldaten im Laufe von acht Stunden mehr als 80 000 Inder erschlugen, und wie Ströme Blutes durch die Gassen flossen. Auch 1857 hat diese Straße eine große Rolle gespielt.
Eines der imposantesten Gebäude Delhis ist unzweifelhaft die Juma Mesjid, die große Moschee. Aber etwas störte mich, wenngleich ich auf den ersten Blick nicht sagen konnte, was es war. Ich besuchte die Moschee mehrmals, und immer wieder drängte sich mir dieses Gefühl auf. Schließlich erkannte ich, daß es der Kontrast zwischen dem dunkelroten Sandstein und dem weißen Marmor war, der die Disharmonie hervorrief. Es waren diese beiden Bausteine nicht fein genug gegeneinander abgestimmt, wie etwa in Sikandra oder Agra. Der plötzliche Übergang des massiven roten Sandsteins, der den Unterbau der Moschee bildet, zu dem zarten Weiß der Minarette und Kuppeln, wirkt störend und läßt uns kalt. Es ist gerade, als ob man einem schweren, gotischen Unterbau aus dunklem Gestein einen feinen weißen Renaissancebau aufsetzen würde. Anders aber wirkt das Bild abends, wenn die Sonne untergeht, und die Schatten der Nacht sich auf die Stadt legen. Dann verschwinden die Kontraste im Bau; wie eine Silhouette steht dann die Moschee da – gewaltig, imposant, eine der schönsten Bauten, die man sich denken kann. Auf den großen Freitreppen wimmelt es dann von Menschen; kleine Verkaufsstände werden aufgeschlagen; unzählige Händler sitzen auf den Stufen im Scheine kleiner Öllampen und bieten ihre Waren an. Es ist die Seele des mohammedanischen Indiens, die hier zu uns spricht.
Ein paar Schritte durch enge Winkelgassen bringen mich von der Moschee aus nach dem Jainatempel. Ich muß meine Schuhe ausziehen, erhalte weiche Slipper und werde dann von einem Priester die weißen Marmorstufen zum Tempel geführt. Er liegt inmitten eng gedrängter Häuser und Gassen, ist nicht groß, wirkt aber durch seine Pracht und Stille. Weiße Marmorsäulen, Bogengänge bildend, und herrliche Freskenmalereien schmücken Decken und Wände. Leider sind sie aber an manchen Stellen zerstört. Der heiligste Raum ist mystisch dunkel gehalten; aber ich erkenne doch Götterbilder aus Bronze und Jade: eine Buddhastatue erhebt sich in der Mitte auf einem mit Schnitzereien und Schmuck fast überlasteten Piedestal. Leise nur bewegen wir uns, um nicht die feierliche Ruhe zu stören. Der Priester hat sein kleines Mädchen auf den Arm genommen und erklärt mir alles in freundlichster Weise.
Abends fahren wir immer in die Parkanlagen. Wir besuchen den Bergrücken, von dem aus 1857 die Stadt von den Engländern beschossen wurde. Ein einfaches Denkmal ziert jetzt diese Stätte. Wir fahren dann weiter nach dem »Flagstaff tower«, wo 1857 Frauen und Kinder Zuflucht fanden, und passieren den vizeköniglichen Palast und das »Secretarys Office«. Auch hier herrscht überall tiefes Schweigen, denn fast alle Engländer sind in den Sommersitzen im Himalaja, da die Hitze noch ziemlich groß ist. Einsam und verlassen träumen die hohen weißen Gebäude im Schatten der großen Bäume.
Auf Schritt und Tritt erhält man einen Begriff von Englands Macht, Größe und Kolonisationsfähigkeit, und man merkt bald, daß überall da, wo der »Union Jack« weht, Ruhe und Ordnung herrscht. Man staunt, wenn man sieht, was England hier in Indien geleistet hat, und sicherlich würden viele bei uns anders über Indien urteilen, wenn sie einmal längere Zeit dort weilen würden.
Draußen vor der Stadt, in einer weiten Ebene, auf die die Sonne unbarmherzig niederbrennt, reiht sich Ruine an Ruine. Das alte Gemäuer ist an vielen Stellen von Vegetation überwuchert, und grüne Papageien haben hier ihre Schlupfwinkel gefunden. Unendlich still ist es hier draußen, und ungestört kann man hier seinen Gedanken nachhängen und träumen. Träumen von dem Glanz und der Pracht, die einst hier herrschten, vor Jahrhunderten, Jahrtausenden – – – als Indraprastha als Königssitz der Pândava gegründet wurde.
Durch breite, von Tamarisken und Kandelaberkakteen eingefaßte Alleen fahren wir eines Tages gen Süden. Blaßblauer Himmel wölbt sich über dem Häusermeer der Stadt, und die Sonne übergießt alles mit ihrem hellen blendenden Licht, so daß man kaum wagt, die Augen zu öffnen. Wundervoll leuchten die Marmorkuppeln der großen Moschee in der Morgensonne!
Wir halten vor einer großen Ruine. Hoch türmen sich die von Schlingpflanzen überwucherten, gewaltigen Mauern vor uns auf. Es sind die Überreste der Purana Kila, der 1534 von dem Großmogul Humajun erbauten Zitadelle. Inmitten der hohen Mauern dehnen sich tiefgrüne Rasenflächen aus, und betäubend duftende Blumen locken Schmetterlinge an; große Falter, die mit schweren seidenen Flügeln von Blüte zu Blüte schweben. Smaragdgrüne Papageien fliegen von Gemäuer zu Gemäuer; kein Mensch ist weit und breit zu erblicken, nur der alte Wächter, der hier angestellt ist, waltet seines Amtes.
Wir fahren weiter nach dem Grabmal Humajuns. Mein Boy plaudert ständig und erzählt mir die größten Geschichten über die alten Baudenkmäler, Geschichten, die ich schon lange kenne. Ich bin unendlich froh, daß ich zu einer Zeit in Indien weile, wo noch nicht der große Fremdenstrom sich über das Land gießt. Überall bin ich fast der einzige Fremde und kann ganz ungestört Indiens Seele auf mich einwirken lassen. Was ich erlebe und zu sehen bekomme, das ist das unverfälschte, reine Indien, das Indien der alten Lieder, wie wir es uns nach den Büchern ausmalen. Je mehr ich das Land kennen und verstehen lerne, um so mehr fühle ich, daß ein großer Teil meines Lebens dem Studium dieses Märchenlandes gewidmet sein wird.
Humajuns Grabmal wirkt imposant. Im Gegensatz zur großen Moschee harmoniert hier der rote Sandstein mit dem weißen Marmor sehr gut; aber nur deshalb, weil beide Gesteine eng miteinander verzahnt sind, und der zarte weiße Marmor in den roten Sandstein des Unterbaues eingelegt ist. Wenn man durch die hohen Hallen schreitet, hallen die Schritte von den Wänden und der Decke wider, auch wenn man noch so leise auftritt, um den Frieden nicht zu stören, der in diesen heiligen Gewölben herrscht.