Es blieb alles totenstill.

Da wurde es mir auf einmal ganz elend und schwer in allen Gliedern; ich lief in meine Kammer zurück, schloß die Tür hinter mir zu und lag dann schluchzend in meine Kissen vergraben, bis ich mich in Schlaf geweint hatte. Von Urschels Kammer nebenan war kein Ton mehr zu mir gedrungen.

– – – Von jenem Sonntag an konnte ich mich nimmer über Urschel beklagen. Den Blonden schien sie vergessen zu haben; sie war nur noch für mich da, hielt mich umschlungen, wenn wir abends unterm Fenster saßen und spielte mir meine Lieblingslieder vor. Oft, wenn ich morgens erwachte, sah ich sie in einem erschöpften Schlaf mit verweinten Augen vor meinem Bett auf dem Boden liegen, und wenn ich sie erschrocken weckte und befragte, küßte sie mich:

»Ach, ich möchte eben immer bei dir sein!«

Sie wurde noch fleißiger als vordem, zart und leise, und ihr Gesicht war voll schmerzlich beseelter Schönheit; alles Wilde und Törichte fiel von ihr ab. Sie nahm ihre vielen Bildchen von den Wänden und verschenkte sie. Den Stieglitz ließ sie fliegen, und die Schildkröte setzte sie in einen Garten, daß Kinder sie finden konnten. Mir blutete das Herz, wenn ich die fröhliche Stube so zerstört sah; sie streichelte mich aber und fragte mit traurigem Lächeln: »Gelt, ich bin arg dumm gewesen früher! Jetzt bin ich gescheit; ach, so kalt und grausam gescheit. Ich weiß jetzt alles!«

Nur die drei Mannen über dem Bett blieben hängen in der ganzen Größe ihrer Unsterblichkeit.

Dann kam jener schöne traurige Abend im Juli. Urschel brachte eine Düte mit großen, schwarzen Kirschen, wir saßen im Abendschein unter ihrem Fenster, aßen und spuckten die Steine weit hinaus.

»So ist es schön, Kirschen zu essen; an einem offenen Fenster, worunter ein Fluß vorbeifließt, daß die Steine ungesehen verschwinden,« sagte sie und fing dann so unters Essen hinein leise zu erzählen an, von Kirschbäumen in ihrer Heimat, von dem Stieglitz und von den Seiltänzern.

»Du Agnes,« sagte sie dann traurig, »ich werde doch wohl keine Zigeunerin sein. Ich glaube, ich bin zu sauber dazu; ich kann den Schmutz nicht an mir leiden.«

Nach einer Weile fragte sie ganz unvermittelt: »Weißt du, was die alten Deutschen mit ihren schlechten Dirnen gemacht haben? Es ist mir so, als hätten sie sie in den Sumpf gejagt. –