Nun mußten wir beide lachen und kamen darüber in ein kurzweiliges und reges Gespräch, daraus uns unvermutet und erschreckend der erste Hahnenschrei riß.
»Um Gotteswillen, Herr Finkenlohr, es ist schon bald Morgen, und um halb sechs muß ich wieder im Stall sein!«
»Ach, lassen Sie sich's nicht gereuen! Schlafen können wir, wenn wir alt sind und klapperig und keine Zähne mehr haben. Ich freue mich doch so, daß Sie da sind. Und morgen kommen Sie wieder, gelt?«
Er stand so vor mir, seinen blinzelnden Kerzenstumpf in der Hand, und sah mich mit einem prächtigen Lachen an, daß es mir warm und glückhaft durch den Leib rann und ich ihm lächelnd meine Zusage nickte.
Indem wir uns dann gute Nacht und guten Morgen sagten, bat ich ihn, er möge mir noch geschwind zum Abschied die letzten jener Verse lesen, die mir am Abend so gefallen hätten. Dann stand ich an der Tür und hörte zu; und als er zum Schlusse kam, ging ich still hinaus und ließ einen Spalt offen, daß mich Vers und Kerzenscheinlein noch ein Stück die dunkle Stiege hinauf geleiteten. In meiner Kammer aber ließ mich ein seltsam gehobenes und absonderliches Gefühl, das ich noch nie gekannt hatte und mir nicht zu erklären wußte, noch eine Weile nicht zur Ruhe kommen; es packte mich so, daß ich in sanfter Verwirrung meinen alten Kleiderkasten küßte und streichelte, meinen Kopf am Fensterrahmen rieb und die Katze, die, durch meinen nächtlichen Gang aufgestöbert, sich schnurrend vor der Tür herum trieb, zu mir herein nahm und zärtlich aufs Fußende meiner Bettstatt legte, bis ich durch dergleichen närrischen und gefühlvollen Hokuspokus endlich doch im Bette landete, wo ich mir mit andächtiger Freude die eben verklungenen Verse wiederholte, soweit ich sie noch im Gedächtnis behalten hatte. Ich bekam sie aber doch nicht ganz zusammen, besann mich fürchterlich darauf, reimte und reimte und brachte einen unendlichen Unsinn zuwege, worüber ich am Ende in vergnügter Beschämtheit einschlief.
Wir waren nun im September und die strengste Feldarbeit vorüber; dies kam mir mächtig zugute, denn nach einem vierzehnstündigen Erntetag wäre ich abends auch über dem Faust – eingeschlafen. So aber begann mich nun der junge Mensch in ein schwärmerisches nächtiges Leben hineinzuziehen. Es ging eine herrliche Zeit an, und jeder Tag war ein Fest.
Des Morgens lief ich mit zwei großen Körben in die weiten Baumwiesen hinüber, um das Obst aufzulesen, das in der Nacht gefallen war; und das köstliche Schauspiel des frühen Nebels, der zu Anfang noch mit zauberischem, blauem Duft die Ferne verhing und vor dem klaren und kräftigen Glanz der heraufsteigenden Sonne in leise Dünste verrann, erfüllte mich mit andächtiger Wonne, darein der Jubel meines bewegten Herzens samt allen Versen, Geschichten und heiteren Gedanken des vergangenen Abends und den schönen Träumen der Nacht frohbeschwingt mit einstimmte. Ueber Mittag gab es in Haus und Küche drängend viel zu schaffen, und ich war, wenn auch nicht müde, so doch weniger lebhaft dabei als die Wochen zuvor, denn stetig ging mir stille und in innerer Abgekehrtheit die neu aufgeblühte Lust weiter. Kam es aber gegen Abend, so wurde ich von einer hellen und mächtig feierlichen Stimmung erfaßt; kaum war nach der Abendsuppe der Löffel gewischt, verschwand ich auf meine Kammer, um dort eine Reihe von Handlungen zu verrichten, die mir unendlich wichtig und durchaus notwendig zu den bevorstehenden wunderbaren Stunden schienen, und die ich so weihevoll als möglich ausführte. Ich holte mir eine große Schüssel voll frischen Wassers und wusch mich darin vom Kopf bis zu den Füßen, daß mich die Haut brannte vor Sauberkeit, bürstete die Haare frisch und flocht meine Zöpfe aufs sorgfältigste, auch zog ich meine schönsten Schuhe und ein helles, gutes Kleidlein an und das alles mit einer Weihe, als ob's zu einer heiligen Handlung ginge, und jeden Schuhbändel knüpfte ich mit Feierlichkeit und jeder Bürstenstrich war freudevolle Andacht. War ich dann fertig und ging die dämmerige Stiege hinunter zu Gottfrieds Stube, so konnte ich nie vor seiner Tür stehen, ohne daß mein Herz leise und verwirrend zu klopfen anfing. Wenn ich hineinkam, stand er immer am Fenster wie an jenem ersten Abend, daß aus aller Dämmerung heraus sein liebes Gesicht sich leuchtend abhob und voll eines warmen, roten Abendscheins war, in sanftem Gewoge ging der Wind in den Vorhängen um ihn her, und seine Stimme tönte mir herzlich und voller Freude entgegen.
Das erste Buch, das wir zusammen lasen, war die Ilias. Kam es mir auch zu Anfang unwirklich und komisch vor, daß jene Leute, ehe sie sich die Speere an die Rippen schmissen, zuvor lange und schöne Reden aneinander hin hielten, so war mir doch von Urschel her eine starke Liebe für solche Bücher geblieben, und da mir Gottfried mit einer fast heiligen Begeisterung die Gesänge vorlas, dauerte es nicht lange, bis die Schönheit jener Verse und Bilder mein empfängliches Gemüt erfaßt hatte.
Gottfried hatte einen schönen Plan gemacht, wie er meiner literarischen Einfalt und Unschuld am ehesten beikommen könne und gedachte so an Hand seiner Literaturgeschichte mir erst Homer und die Aeltesten beizubringen und dann über die deutschen Klassiker auf die Modernen zu kommen; doch waren wir auf dieser Leiter noch keine halbe Stufe weit gestiegen, als er eines Abends, da zufällig das Gespräch drauf kam, fast erschrocken ausbrach: »Ach Gott, Sie kennen ja den Gösta Berling noch nicht!« Und wir lasen ihn noch in derselben Nacht und taten von nun an alle Pläne und Systeme beiseite, überschlugen, was uns langweilig schien, lasen Bruchstücke, durcheinander, von der Mitte an, von hinten herein und wie es uns Willkür und Stimmung gab. Ach, und wir genossen, schwärmten, glühten und waren begeistert.
Wenn ich heute an jene Zeit zurückdenke, so wird mir besonders eines mit Dankbarkeit bewußt: daß ich nämlich auf diese Weise sehr wenig schlechte und minderwertige Bücher gelesen habe und nicht wie die meisten der Leute, die ich inzwischen kennen lernte, durch einen Wust von Backfisch- und Modeliteratur erst zum Echten und Schönen durchgedrungen bin. Und daß ich, weil ich von Natur, Sonne, Erde und Mistgabel her unvermittelt in die göttlichen Gefilde Homers und Goethes versetzt wurde, mein Lebtag lang einen guten und sauberen Geschmack behalten habe. Vielleicht ist gerade daraus bei mir jenes besondere Verhältnis zur Literatur geboren, das ich vor den meisten andern Leuten eigen habe und von dem ich später noch reden will.