– An einem Sonntagabend hockten wir bei den andern im Hof auf den Stämmen. Es war schon spät und die warme Nacht voll einem weichen, zärtlichen Gelächter, Gesumm und Heimlichtun. Wir saßen mitten darunter und nahe beieinander und hörten so drauf hin.
»Finden Sie nicht,« sagte Gottfried auf einmal unvermittelt und leise, »daß so eine über Goethe und Schiller gegründete Freundschaft, wie wir sie haben, hierher paßt wie zu meiner Großmutter eine himmelblauseidene Bluse? Hier oben hat man sein Mädchen zum in den Arm hineinnehmen und verküssen. Hören Sie doch, wie die Kerle schmatzen; es ist der reine Hohn für uns. Wir schänden den ganzen Zinken mit unserem platonischen Geflöte!«
»Sie gehören verhauen!« sagte ich entrüstet. »Wollen Sie auf der Stelle still sein mit solchen Sachen!«
Er lachte, wurde aber darauf wieder ernst. »Ja, ja, ich werde gleich aufhören. Aber eines muß ich Sie noch fragen, wenn wir schon dran sind. Und Sie müssen mir Antwort drauf geben.«
Er beugte sich dicht zu mir herab und fragte ganz leise: »Haben Sie einen Schatz, Fräulein Agnes?«
»Nein,« sagte ich ohne jedes Besinnen, doch war es mir sofort heftig leid, und es wurde mir irgendwie dunkel bewußt, daß ich hätte vorsichtiger sein müssen und das nicht so gerade heraus hätte sagen dürfen; indem ich aber noch verwirrt und überrumpelt nach Worten suchte, begann um uns herum ein allgemeines Auseinandergehen und Aufbrechen. Auch Gottfried stand auf und bot mir in seiner gewohnten Vergnügtheit gute Nacht; es blieb mir nichts anderes übrig, als auch auf meine Kammer zu gehen.
Gottfrieds Worte hatten mir einen unangenehmen und beschämenden Eindruck hinterlassen; ich gab mir die größte Mühe, ihnen nicht mehr weiter nachzudenken und sie so schnell als möglich zu vergessen; und dies gelang mir auch.
In dieser Woche ging ich an einem Abend zur gewohnten Zeit in Gottfrieds Stube hinunter. Er stand nicht wie sonst am Fenster, sondern saß am Tisch, hatte den Kopf in die Arme gestützt und sah mir mit einem sonderbaren Blick entgegen.
»Nun, was ist Ihnen für eine Laus übers Leberlein gelaufen?« fragte ich ihn und lachte.
»Ach, ich habe einen blödsinnigen Nachmittag gehabt,« fing er an. »Bitte, setzen Sie sich doch! – Wissen Sie, nach dem Essen stöberte ich in meinem Schrank, da kamen mir ein paar Schokoladetafeln, die ich mir hierher mitgebracht hatte, in die Hand. Und da kam mir mit einemmal der Gedanke: wenn du alt bist, magst du vielleicht keine Schokolade mehr, und das war mir derartig gräßlich, daß ich meinen ganzen Vorrat nacheinander aufaß. Dann wurde mir sehr übel, und ich mußte schnell hinters Haus gehen. Und als es mir wieder leichter war, sehe ich am Krautgarten zehn Schritte weg von mir den Roßknecht stehen und die schwarze Marie im Arm haben; die hatten in ihrem Eifer von meiner ganzen Sache nichts gehört. Und ich kann Ihnen schon sagen, wie der so an ihr herumtappte und sie abschmatzte, da wurde mir noch viel übler als von der Schokolade, und ich rannte wie besessen zwei Stunden weit; und als ich mich zum Ausruhen ins Gras legte, war ich bis auf die Gunterwiesen hinauf gekommen. Da droben war es sehr schön; ich nahm einen Strauß Enzian mit, den wollte ich Ihnen bringen. Auf dem ganzen Heimweg dachte ich immerfort an Sie, und es war mir sehr vergnügt und auch ein wenig sonderbar dabei; ich weiß nicht, wie. Eh ich auf den Zinken kam, schob ich die Enzianen in meine Hosentasche, damit sie niemand sähe und schlich ganz unbemerkt in Ihre Stube und wollte die Blumen auf Ihren Tisch legen. Und dann mußte ich mit einemmal denken, daß Sie eine Dichterin sind und ein ganz wunderbarer und schöner und großer Mensch und ich bloß ein Schulbube; und da wurde es mir wieder schlecht und wütend und alles miteinander, und ich lief davon und warf die Blumen auf den Mist; dort, Sie können sie gerade noch sehen. Ich habe sogar noch geheult, und zum Nachtessen bin ich auch nicht gegangen!