Aber nun kommen Sie, wir wollen die Lampe anzünden und Mörike lesen und nimmer davon sprechen, sonst ist auch noch der schöne Abend beim Teufel.«

So fing er an zu lesen, und es schien alles ganz gut und glatt weiter zu gehen, bis vielleicht nach einer Viertelstunde seine Worte langsam und immer sonderbarer wurden, und der große Mensch mit einemmal seinen Kopf vornüber auf den Tisch in die Arme warf und schluchzte wie ein Kind.

»Bitte, gehen Sie – – ich kann wirklich nicht mehr – – verzeihen Sie, Fräulein Agnes – – –«

In großer Bestürzung und Verlegenheit ging ich schnell hinaus und auf meine Kammer. Unausgekleidet saß ich auf dem Rand meines Bettes, starrte erschrocken in das Dunkel und hörte, wie mein Herz laut und heftig schlug. Und indem die Dumpfheit und Verwirrung allmählich von mir wich und es mir leise klar wurde, wie es dem guten Jungen zu Mute sei und daß er wohl Aehnliches durchlebte wie ich damals um Frau Gunhild oder Herrn Bürger, und indem mir vollends als etwas ganz Unerhörtes und Freches der Gedanke aufstieg, daß dies um mich sei, befiel mich eine mächtige Scham, das Blut stieg mir kochend heiß in die Backen, und ich begann so zu schwitzen, daß mir große Tropfen auf der Stirn standen. Dazu spürte ich Mitleid mit dem armen Kerl und ward traurig darüber, daß er mich weggeschickt hatte, und zwischen alldem dämmerte mir endlich eine schwache Seligkeit herauf, die ich nimmer unterdrücken konnte. Es litt mich plötzlich nicht mehr auf meinem Bett, mir kaum bewußt, was ich tat, nahm ich meine Streichholzschachtel und lief schnell und leise damit aus meiner Tür, zum Haus hinaus und auf die Miste hinüber. Ich brauchte elf Zündhölzlein, bis ich Gottfrieds Blumen gefunden hatte; mit klopfendem und glücklichem Herzen brachte ich sie auf meine Stube und stellte sie ins Wasser. – –

Was mich in den nächsten Tagen bewegte, war nun nicht gerade Seligkeit. Ich war mit einer ständigen Unruhe erfüllt und ging Gottfried möglichst aus dem Wege; sah er mich doch, so wurde ich rot und unendlich verlegen. Des Abends hielt ich mich ängstlich auf meiner Stube und hing lauter dummen Gedanken nach; daß die Angelegenheit, die mich bedrückte, vielleicht noch einmal auf etwas Schönes und Erfreuliches hinauslaufen könne, daran wagte ich in schreckhafter Abergläubigkeit nicht zu denken. Mein einziger Trost war ein Band mit Goethes Erzählungen, den mir Gottfried einmal mit herauf gegeben hatte und der zufällig noch auf meiner Stube war. Ich las oft darin, und es tat mir wirklich wohl.

– Da geschah es am vierten jener Tage, daß spät abends noch ein paar neue Kurgäste auf dem Zinken ankamen. Dieweil Frau Finkenlohr sie in ihre Stuben führte, richtete ich in der Küche unten noch ein Nachtessen. Ich machte einen Salat, schnitt vom geräucherten Schinken auf und ging dann noch, ehe ich das Rührei hintat, in den Garten, geschwind den Schnittlauch dazu zu holen. Es regnete, als ich hinaus kam, und war eine tiefe, graue Dämmerung.

Nun ist am Hauseck, wo man in den Gemüsegarten geht, unter etlichem Buschwerk ein kleines, steinernes Bänklein; und als ich daran vorbei wollte, griff eine Hand nach der meinen; es saß da im Regen ein Mensch, und als ich hinschaute, erkannte ich Gottfrieds Gesicht.

Ich erschrak, und es befiel mich eine jähe Schwäche; zitternd legte ich mein Küchenmesser aus der Hand und setzte mich in einem leisen Schwindel neben ihn auf das Bänklein. Der Regen lief in eiligem Geströme auf uns nieder, und wir waren ganz stille.

Dann sagte Gottfried: »Ich habe immer – immerfort an Sie gedacht, Fräulein Agnes. Und ich – wünsche mir etwas. Ich möchte einmal über Ihr Haar streicheln dürfen.«

Ich blieb regungslos sitzen; doch liefen mir, ohne daß ich's hindern konnte, die Tränen herunter.