Da fuhr er mir mit der rechten Hand einmal ganz scheu und schnell über den Kopf, und dann legte er beide Arme um meinen Hals und drückte sein Gesicht an meines, und beide waren naß vom Regen und von Tränen.
Währenddem hörte ich Frau Finkenlohr in der Küche. Ich stand schnell auf, holte meinen Schnittlauch und kochte weiter, als ob nichts geschehen wäre; und doch war plötzlich die ganze Welt verändert, schwankte und zitterte vor meinen Augen und war wie erhellt von tausend seligen Feuern.
Es war seltsam: auch jetzt noch glaubte ich nicht daran, daß zwischen mir und dem reichen, feinen Jungen eine Liebschaft werden könne. Doch war gerade diesem zum Trotz seit dem Geschehnis auf dem Bänklein ein Wille und Trieb in mir, beständig daran zu denken, – von einer erfüllten und glücklichen Liebe zu Gottfried zu träumen und diesen Traum mit der ganzen Kraft meiner Phantasie auszumalen und zu nähren. Vielleicht war es, mir selber kaum bewußt, gerade die Angst, aus diesem Traum doch bald aufwachen zu müssen und die traurige Gewißheit, die am Ende doch dahinterstand, daß ich meine beglückende Einbildung um so zäher festhielt und mich umso stärker in sie einspann.
Es war ja auch wahrlich nicht schwer, zu dem guten und feinen Menschen eine Liebe zu fassen, umso weniger unter den gegebenen Verhältnissen und bei meiner Veranlagung. So ließ ich nun in meinem Innern alle Gluten brennen und alle Ströme selig und ungehindert fließen; ich war so voll Gehobenheit und Ruhe, daß ich sogar Gottfried, wenn wir uns begegneten, herzlich und fast unbefangen grüßen und anblicken konnte. Wir sahen uns selten, zumeist vor andern und sprachen nie miteinander; Gottfried stand wenige Tage vor seiner Abreise.
Alles, was in meinem Leben war, kann ich beschreiben und kann versuchen, es euch nahe zu bringen; von jenen Tagen aber kann ich nur stümperhaft, grob und ungenügend reden; sie waren das Zarteste und Heiligste, das je in meiner Seele war, und es gibt nicht die rechten Worte dafür. Ich glaube, daß man das bloß einmal erlebt, und ich glaube auch, daß es nur wenig Menschen erleben.
Ich war jene Tage voll einem starken und ruhigen Glücke, und es war immerwährend ein Zustand um mich gleich einem schwebenden, schönen und feierlichen Traum; wachte ich auf, so war er sogleich da und köstlich über mir; schlief ich ein, nahm ich ihn selig in das Dunkel mit hinüber; die harten Aecker waren Paradiese, sobald ich darüber ging; war mir etwas schwer, so dachte ich: Gottfried –, und es wurde vogelleicht. Im kleinsten Nötlein wußte ich: Gottfried –, und allsogleich war es behoben.
Jeden Herbst und jedes Frühjahr reiste Frau Finkenlohr auf zwei Tage in die Hauptstadt, einesteils um nach ihren alten Bekannten zu sehen, besonders aber, um für das nächste Halbjahr die nötigen Einkäufe zu besorgen. Da sie nun eines kleinen Uebels am Fuß wegen in diesem Jahr am Reisen verhindert war, so wurde beschlossen, daß ich fahren sollte und zwar mit Gottfried zusammen, der nun wieder in sein Gymnasium einrücken mußte und die gleiche Strecke reiste. Ein paar Tage vorher brachte Gottfried aus der Zeitung die Nachricht, daß am selben Abend im Hoftheater der Faust gegeben werde; die Großmutter schenkte uns beiden das Geld dazu, und Gottfried bestellte strahlend die Karten.
In einer Frühe zogen wir los; Gottfried trug in einem Köfferlein mein schönes Kleid in Seidenpapier eingewickelt, auch ein Paar anständige Schuhe und für jeden von uns etliche Vesper; das Textbüchlein aber hielt er in der Hand und ließ es nimmer von sich. Frau Finkenlohr schaute im Morgenkittel aus ihrer Schlafstube, trug uns viele Grüße auf an das Bäslein Babett, bei dem wir nächtigen mußten, und wir sollten es doch bei Leib nicht vergessen, vom Unterland ein paar Traubenblätter zu den Rebhühnern mitzubringen, die sie übermorgen braten wolle.
Es war uns auf dieser ganzen Reise feierlich und still zumut; wir sprachen kaum, und je näher wir der Hauptstadt zufuhren, desto mehr wuchs in uns eine leise Bangigkeit vor dem Abend, und es war gut, daß wir keine übrige Zeit zum Drübernachdenken hatten, denn es gab vollauf zu tun, bis wir die verschiedenerlei Einkäufe und Besorgungen erledigt hatten. Gottfried trabte in unendlichem Vergnügen mit mir durch einige Läden; wir kauften eine neue Kaffeemühle und ein Bügeleisen, einen Ersatzteil zu Frau Finkenlohrs künstlichem Gebiß, sowie ein Röslein auf ihren Kapotthut und graues Fersengarn zu ihren Strümpfen, auch vergaßen wir die Kimmichküchlein nicht und die berühmten Schützenwürste des Metzgers Eichenwolf. Als wir noch die Traubenblätter hatten und endlich zu dem alten Bäslein kamen, erfüllten uns die festlichen Vorbereitungen, die sie uns zu Ehren traf, mit steigender Heiterkeit, darin vollends unser bängliches Herzklopfen auf ein paar Stunden unterging.