Das Jüngferlein hörte nimmer gut, und trotz einer ungeheuren Brille sah sie auch nimmer recht, – und sie hatte uns zum Empfang einen wunderbaren Tee gekocht; mit Vanille und Zimmet gewürzt, damit er doch ja recht gut wäre. Doch habe ich sie im Verdacht, daß sie infolge ihrer Kurzsichtigkeit statt des Zimmets ein anderes Gewürz erwischt hatte, denn der Tee schmeckte abscheulich. Da sie es uns aber tödlich übel genommen hätte, wenn wir ihn verschmäht hätten, ihn selbst auch ausgezeichnet fand, verlebten wir nun auf dem geschnörkelten Kanapee eine ergötzliche Stunde; das Bäslein trippelte ab und zu; war sie bei uns in der Stube, unterhielten wir sie mit Eifer und taten, als ob wir darüber das Trinken vergäßen – ging sie hinaus, berieten wir, wie man das seltsame Getränk am ehesten hinunter brächte; probierten bald kleine, bald große Schlücke, hielten auch beim Trinken die Nase zu, und schließlich nahm Gottfried ritterlich meine Tasse und begoß damit die Geranienstöcke vor dem Fenster, ehe die Alte wieder eintrat.
Unter großer Heiterkeit kleideten wir uns dann fürs Theater an, als ich mir vor des Bäsleins blindem Spiegel die Haare frisch aufsteckte, stand Gottfried am Fenster und las mir noch einmal den Prolog vor; da kam die feierlich bange Erwartung doch wieder. Die Base geleitete uns alsdann bis vors Haus, befürchtete, daß sie nimmer wach wäre, wenn wir heimkämen und gab uns den Hausschlüssel mit.
In den Straßen war eine seltsame Schwüle; der Sommer hatte seine Hitze noch einmal in einem sengenden Tage zusammen getan; am Himmel sah es aus, als ob's ein böses Wetter gebe. Wir gingen ganz still durch die Straßen und Plätze und die breiten Staffeln des Theaters hinauf, saßen dann stumm und tief beklommen, bis das Haus sich füllte und der Vorhang aufging.
Dann kam der Faust. Und indes von der Bühne der Gewaltige in seinen göttlichen Worten zu uns redete, jeden Kummer mit tiefen, leuchtenden Farben tränkte und was schmerzvoll war, vergeistigt und voll Süße und stiller Schönheit erscheinen ließ, alle Freude aber schäumend und vertausendfacht, – indes der Mächtige alles, was scheu, verschleiert und dunkel in uns war, zerriß und zerbrach, daß wir nackt, wissend und plötzlich in schmerzhaft blendendes Licht gestellt, vor einander waren, und doch von seiner lohenden, göttlichen Flamme erfaßt, in seligem Jubel uns zu seinen Höhen hinreißen ließen, – indes Szenen, Menschen, Schicksale an uns vorbeizogen und die abendlichen Stunden füllten, wandelte es sich in uns; wozu es sonst vielleicht Monate und Jahre gebraucht hätte, war nun in ein paar Stunden geschehen. Unsere Liebe war uns mit einemmal bewußt, körperhaft, nahe und groß geworden, und wir selber vermeinten, reif und andere Menschen zu werden.
Nach dem letzten Akt wurden die Lichter hell. Zitternd riß mich Gottfried empor, und wir liefen schnell durch das Haus; hinter uns brachen Lärm, Gedränge und Gelächter aus den geöffneten Türen; als wir aber die breiten Stufen ins Freie hinab schritten, heulte uns durch schwarze Nacht ein tobender Sturm entgegen, gleißendes Feuer schlug auf uns herunter, verzuckte wieder und die Nacht war noch finsterer, noch schauerlicher darnach.
Da war der alte Stadtgarten; unter Donner und kaltem prasselndem Regen liefen wir tief in das Dunkel der Büsche und hohen Bäume hinein. Erst hasteten noch eilige Menschen gleich flüchtigen Schatten an uns vorbei, dann waren wir allein. Zitternd und stumm vor Erregung hielten wir uns an den Händen; im sprühenden Flammen der Blitze sah ich zu Gottfried auf; sein blasses Gesicht war voll Farbe und Bewegung, und seine Augen so glänzend und schön, wie ich es nie mehr gesehen habe.
Dann standen wir in Blitz und Getöse, hielten einander umschlungen und waren rasend und trunken vor Liebe und Leidenschaft. Gottfried bedeckte mein Gesicht, meinen Hals und meine Brust mit Küssen, und ich hing zehrend immer wieder an seinem Munde. Wir nannten uns bei unseren Namen und stammelten Liebesworte, und nahm uns Sturm und Donner die Stimme von den Lippen, so schrien wir's stöhnend in das wilde Wetter hinaus. Und endlich, nach Stunden, als wir von dem lohenden Rausch gesättigt und müde waren, suchten wir durch die dunkeln und fremden Straßen, die voll kühlem, stürzendem Regen waren, unsren Heimweg zu des alten Bäsleins Wohnung.
Ich war die ganze Nacht froh und helle wach; die Base hatte mir in ihrer Schlafstube ein Bett gerichtet; lange saß ich aufrecht und unausgekleidet darauf; als ich merkte, daß jene wie ein Murmeltier schlief, zündete ich mir ein Licht an und ging damit in das Gaststüblein hinüber, wo Gottfried in erschöpftem Schlafe lag. Ich setzte mich an sein Bett, stellte das Licht daneben und sah lange in stummer, jubelnder Andacht auf den geliebten Jungen nieder. Das Stüblein war muffig und roch nach Mottenpulver, des Bäsleins Kerze brannte tief herunter, und es fror mich an den Füßen, der nassen Schuhe wegen; ich saß Stunde um Stunde und achtete es nicht. Brausender als je waren in mir die Ströme des Namenlos entfesselt, und zum erstenmal geschah es, daß ich ihnen in weiter, verschwindender Ferne, aber doch deutlich und feststehend ein Ziel gesetzt sah.
Als der trübe Morgen durch das Fensterlein kam, regte sich Gottfried und erwachte. »Bist du schon da!« sagte er voller Innigkeit, als er mich gewahrte; er ergriff meine beiden Hände und zog sie zu sich her. »Du, du Liebe.«