Und dann geschah etwas Seltsames: plötzlich standen seine Augen voll Tränen, er schlang seine Arme um meinen Hals und riß mich mit verzweifelter Wildheit zu sich herab, daß ich fast schrie vor Schmerz. Dabei zitterte er am ganzen Leib, stöhnte, schluchzte, und ich fühlte sein Herz durch die Decke des Bettes hindurch stürmisch schlagen.
Tief erschrocken hielt ich diesem Ausbruch stand und wußte mir nicht zu helfen. »Gottfried, Schatz, was machst du für Geschichten! Fehlt dir etwas, sag?«
»Nein,« schluchzte er; »aber – es ist – so – so viel – – ich ertrage es fast nimmer – – –«
Da nahm ich seinen Kopf an meine Brust und strich mit meiner Hand sanft und zärtlich drüber, und indem ich immer so fortfuhr und ganz leise war, wurde er ruhiger. Nach einer Weile lag er still und blaß und erschöpft da und lächelte mich an.
»Verzeih, Agnes! Es ist so mit mir durchgegangen.«
Dann lachte er voller Spott: »Das ist ein schöner Bräutigam, gelt! Kannst du denn mich noch lieb haben, wenn ich – so bin?«
»Ja,« sagte ich ganz ernst und sah ihn an, »gerade weil du so bist, deshalb habe ich dich lieb.«
Ich wandte mich ab, und es ging mir durch den Sinn, wie wunderbar es sei, daß nun dieser reine, glühende und schäumend junge Mensch mich liebe und zu mir gehöre, und als ich dies so recht erfaßte, geriet ich in eine so ungeheuerliche Seligkeit, daß es mir beinahe gegangen wäre, wie vorhin Gottfried.
– Wir faßten den Plan, daß Gottfried wieder zurück reise und den ganzen Tag noch mit mir zusammen sei, doch ohne daß die Großmutter es wisse; und wir freuten uns darüber wie die Diebe.
Die engen Häuser der Gassen drängten sich grau und steil vor unserem Fenster, wir beschlossen, noch ehe das Bäslein erwache, das Weite zu suchen. Ohne Scheu vor einander kleideten wir uns zusammen an; dieweil ich nachher die Betten und unsere Sachen in Ordnung brachte, war von Gottfried nichts mehr zu hören; als ich ihn suchte, fand ich ihn in der Küche, vor dem Herde sitzend und verzweifelt bemüht, mit dem Blasebalg der Base ein Feuer instand zu bringen.