»Ach, Agnes, ich wollte dir einen heißen Kaffee bringen; du mußt doch etwas Warmes haben, wenn du die Nacht nicht geschlafen hast. Aber es wird einfach nichts!« klagte er.
Mein Liebster mit dem Blasebalg aber wärmte mich mehr als des Bäsleins Rübenkaffee; lachend schrieben wir ihr noch ein Brieflein zum Hinterlaß und gingen eilig, um mit dem Frühzug noch fort zu kommen.
Vom Mittag an bis in den späten Abend trieben wir uns dann auf den Feldern fern vom Zinken herum; wir legten uns in eine Ackerfurche und sahen in den Himmel, der weit und helle über dem flachen Land aufstieg, und der herbstliche Sturm ging in mächtigen Stößen über uns weg. Wohl waren wir hungrig und voll Müdigkeit, spürten die Kühle des Sturms und die Härte der Erde und genossen doch die schwelgerische Lust, hier in der einsamen Weite Körper an Körper beieinander zu liegen, die Hände ineinander zu haben und uns Liebes zu sagen, ungemindert und kosteten sie aus bis zum letzten Augenblick.
Spät am Abend gingen wir zum Zinken hinüber; ich ließ Gottfried nicht fort, ohne daß ich nicht versucht hätte, ihm irgendwie etwas zum Essen zu verschaffen. Als wir ans Haus kamen, war alles schon stille, nur in der Küche brannte noch ein Licht, und wir sahen zum Fenster hinein. Frau Finkenlohr stand vor einer irdenen Schüssel und ließ einen Hefenteig an; und indes wir nun wie arme Sünder so in der einsamen Nacht draußen standen und die rundliche und zufriedene Alte in ihrer warmen Küche hantieren sahen, wie sie, eine weiße Schürze vorgebunden und die Milchpfanne samt einem großen Schmalzhafen zur Seite, ihren Teig klopfte, der ihr in mehligen Bärten von den Fingern hing, kam mich mit einemmal ein wunderliches Gefühl an. Ich bedachte mit Zaghaftigkeit und Kleinmut, wie unsere Liebe, die mir eben noch mächtig genug erschienen war, um alle Himmel zu stürmen, vor dieser soliden, tüchtigen und nahrhaften Welt der Großmütter und der Schmalzhäfen bestehen könne; und ich muß gestehen, daß mir jämmerlich dabei zumute war. Ich zog meinen Liebsten dicht zu mir her und sprach leise und eindringlich auf ihn ein.
»Gottfried, du mußt mir versprechen, daß du keinem Menschen etwas davon sagst, daß wir einander lieb haben; am wenigsten jemand vom Zinken und deiner Großmutter.«
»Wenn du es so willst, – ich kann schon schweigen.«
»Du mußt dir Mühe geben, daß du es nicht merken läßt, nicht wahr?«
»Du mußt es mir schwören, Gottfried!«
»Ich schwöre es dir.« Und wir besiegelten es mit einem Kusse. Dann nahmen wir leisen und zärtlichen Abschied; Gottfried verschwand um die Hausecke, um unter meinem Kammerfenster zu warten; ich aber ging mit Geräusche zur Haustür hinein und in die Küche, wo es eine laute und herzliche Begrüßung gab. Die alte Frau wusch sich die Hände, hieß mich in ihre Wohnstube gehen und trug mir dort einen gehörigen Imbiß auf; sodann setzte sie sich zu mir, ich mußte essen, auspacken, vorrechnen, erzählen und Grüße ausrichten, und es wurde mir immer wärmer und bedrängter, wenn ich an den armen Jungen draußen dachte. Als ich auf der alten Kastenuhr sah, daß eine halbe Stunde um war, hielt ich es nimmer länger aus; ich wußte mir nicht anders zu helfen, als daß ich plötzlich eine große Müdigkeit heuchelte und ein schmähliches Gegähne auffahren ließ, mit den Augendeckeln klapperte und hie und da mit dem Kopf nickte wie die alten Weiber in der Kirche, worauf Frau Finkenlohr denn auch richtig hereinfiel und mich schleunigst auf meine Kammer schickte. Brot, Butter und Rauchfleisch gab sie mir mit hinauf, damit ich neben dem Auskleiden vollends essen könne.