Es ging mir dabei ein wunderliches Geriesel durch den Leib und war eine halb reizende, halb wonnige Spannung in mir; ich brauchte fast gar nichts zu tun oder zu denken dabei, nur jenem stille zu halten und mich von ihm überlaufen zu lassen; nachher, wenn es vorbei war und ich klar und ohne Mühe den Vers in mir wußte, war ich manchmal wirklich körperlich müde und leicht erschöpft.
Mit den so entstandenen Gedichtlein wußte ich nicht viel anzufangen; sie glichen jenem ersten, waren simpel und wenig gehaltvoll; manchmal schickte ich sie Gottfried, doch war es mir peinlich, daß er so viel Wesens draus machte, und später schloß ich sie alle in eine alte Zigarrenkiste.
Das Dichten selber aber wurde mir allmählich zum gesteigerten Genusse und zur leisen Leidenschaft. Ich sehnte mich darnach, daß jene fremde Macht wieder über mich käme und mich wegführte, obgleich ich nichts dazu tat, solches etwa künstlich wecken und herbeiführen zu wollen. Spürte ich aber, daß es über mich kommen werde, war ich entzückt, ging, wenn ich unter andern war, schnell abseits und kostete die rieselnde Lust voll geheimem Glücke aus, bis sie mich wieder verließ, und das Leben dünkte mich durch diesen neuen Reiz beträchtlich höher und wertvoller.
Dazu kam noch, daß Gottfried mir seine Bücher dagelassen hatte, mir auch immer wieder solche schickte und zu Weihnachten ein ganzes Kistlein davon schenkte. Seither hatte das Leben kaum Beglückenderes für mich gehabt, als aus vollen Kräften arbeiten zu dürfen, dazu unter vergnügten Leuten zu sein und drunterhin einen Tanz und eine fröhliche Nacht zu haben, und an höheren Bedürfnissen waren in mir nicht mehr gewesen als in jedem gesunden Menschen überhaupt, – der Wunsch schließlich, eine Freundin oder einen Schatz zu haben. Und nur in seltenen Stunden war in mir der Gedanke an ein Reich des Geistes gewesen, mit Traurigkeit, freilich, und einem stumpfen Verlangen, aber ohne Feuer und Leidenschaft und Dazutun; so, wie man etwa von Palmen und weißen Elefanten und blauen Meeren träumt und dazu sagt, man möchte auch einmal gern eine Weile in Indien gewesen sein.
Nun aber lief ich in jene andere Welt hinüber mit vollen Segeln. Gottfried hatte mich hineingeführt und sie mir aufgetan, wie es kein anderer hätte können; durch ihn, durch die Zeit der stürmenden Liebe zu ihm, die ich erlebt hatte, und nicht zuletzt durch mein eigenes, wunderliches Versemachen war mir mit einemmal ein Sinn aufgegangen für das Reich des Geistes und der Kunst, vor allem für die wundersame Welt der Dichtung. Ach nein, nicht einer, alle Sinne, alle Fähigkeiten in mir, die staunen, bewundern und lieben konnten, zitterten nun wie taumelnde Nachtschmetterlinge diesem allmächtigen Lichtkreis entgegen, konnten jauchzen und rasen vor Entzücken drüber, daß es solche Gedanken gäbe, und solche betörende Musik der Worte, daß man sie damit umkleide.
Ja, ich glaube, es wäre mir oft genug über einem gliederschönen, reintönenden Verse, über einer Reihe süß und kraftvoll hingegossener Worte der eigentliche Sinn und Gedanke verloren gegangen, wenn mir nicht Gottfried in seinen Briefen sachte die rechten Wege gewiesen hätte. Aber ich finde heut noch ein Gedicht, dessen Sinn mir und anderen nicht recht behagt, wenn es nur Vers und Musik und fließend ist und den geringsten Wert hat, eben wundersam schön.
Doch war damals dieser übermäßige lyrische Rausch bald verflogen; ich ging nun die stilleren und tieferen Pfade der Erzählung, bewunderte und liebte auch da; aber es wehte durch die meisten modernen Bücher ein sonderbarer Geist, – Weltschmerzlichkeit, üppig wuchernde Mystik und oft auch allerlei Unsauberes, darein ich mich mit meinen gesunden, unverbogenen Sinnen noch nicht recht finden konnte. Mein Herz hing am Werther, am Wilhelm Meister; es hing an Gottfried Keller und an denen, die in seinen Fußstapfen gingen; wohl lag auch über diesen Büchern eine leise Schwermut und ein grübelnder Ernst, die meiner Jugend und Fröhlichkeit widersprachen; doch war es mir, als ob die Helden dieser Geschichten alle an einer wunderlichen, interessanten, geistigen Krankheit litten, an einer solchen, um deretwillen man sich nicht zu schämen braucht, sondern heimlich bewundert wird.
Und es ergriff mich eine heftige Lust, immer mehr von jenem schönen, geheimnisvollen Leiden zu lesen und zu hören, und schließlich eine Sehnsucht, es selbst zu haben und seinen Reiz und seine Qual und Süße am eigenen Gemüt zu empfinden. Ich wußte, daß auch Gottfried diese Krankheit habe; ja, vielleicht hatte er sie mehr als irgend ein anderer, und gegenüber der unsäglichen Reizbarkeit seiner Seele, gegenüber seinem Auskosten aller Stimmungen und Launen und seinem überfeinen Empfinden kam ich mir selber in meiner unverweichlichten Kraft und Kindhaftigkeit stumpf und plump vor; – mein Wunsch, Gottfried seelisch nahe zu kommen und ihm nachempfinden zu können, vermischte sich nun mit dem, selber dieses verfeinerten, traumhaft schönen Lebens teilhaftig zu werden; ich fing an, den Regungen meiner Seele nachzugehen, spürte, daß in meinem Geschick und Wesen rätselhaft viel war, das mit dem der Dichter zusammen klang, es freute mich, und ich war damals wahrhaftig nahe daran, jenes müßige, in Schönheit träumende Leben der Romane für unendlich wertvoller zu halten als meine unmodern gesunde Jugend, meine Lust an körperlicher Arbeit und alles, was noch echt und brauchbar an mir war.
Nun fing ich auch an, meine eigenen Verse für mehr zu halten als früher; der Quell, daraus sie flossen, war reich und springend. Es ging ein großes Blühen und Plänemachen in mir an; ich wollte später einen Roman schreiben und ein Drama und noch viele, viele Gedichte. Am meisten Lust hatte ich vorerst zu einer kleinen, feinen, gut geformten Novelle; ich dachte daran als an etwas, das mir lieb und kostbar war wie ein Mensch, und ich fing auch an, sie zu schreiben.
Von alledem sagte ich niemand etwas; ich stand in der Küche und im Feld, tat am Leben der andern so vergnügt als es gehen wollte, mit und freute mich nur immerwährend des geheimen Lichts, das ich in mir trug und des unsichtbaren Reiches, zu dem ich nun gehörte.