– Da schrieb mir meine Mutter einen Brief, darin sie mich mit lieben Worten bat, den Gottlosen Zinken zu verlassen und zu sehen, ob ich nicht in jener Stadt, wo meine Schwester verheiratet war, eine Stellung bekäme. Es scheine ihr, als sei bei der Margret nicht alles, wie es sein solle, und als ob es gut wäre, wenn sie einen Menschen in der Nähe hätte, der manchmal nach ihr sähe.

Nun muß ich aber ehrlich sagen, daß, als ich in dem Brief der Mutter den Namen jener Stadt las, mein Herz nicht vor Sorge, was mit der Margret los sein könne, plötzlich zu klopfen anfing, sondern weil dort Gottfried wohnte und weil der Gedanke, ihm dann nahe zu sein, mich jäh mit stürmischer Freude erfüllte.

Ich trug den Brief zur Großmutter Finkenlohr; wir bedachten uns ein paar Tage; und als wir eine geeignete Stellung für mich in jener Stadt erfuhren, war mein Schicksal beschlossen.

Ach, es war nicht leicht, von dem guten, warmen, fröhlichen Zinken fortzugehen und in einer fremden Stadt ohne den Schutz der lieben, mütterlichen Frau Finkenlohr zu leben, die letzten Tage vergingen herb und voll Wehmut. Zum Abschied tat man mir noch alles Gute; Frau Finkenlohr begleitete mich selber zur Bahn, schob mir noch eine Schachtel voll Zimmetsterne in den Wagen und küßte mich warm auf beide Backen. Der Zug fuhr an, lange sah ich noch in der Ferne ihren Kapotthut mit den roten Röslein fröhlich wippen, und es war mir trübselig zu Mut, solange ich durchs Wagenfenster mein geliebtes Hochland sah. Doch wurde mir besser, als ich durchs Unterland fuhr und Flüsse erblickte und helle Dörfer in der Obstblüte, und als am Abend die Türme der Stadt in einem roten Sonnenschein vor mir lagen, schlug mein Herz vergnügt und verlangend der Zukunft entgegen.

Fünftes Buch

Ich war im Hause eines reichen Professors untergekommen und übernahm allda die Küche und die Führung und Leitung des Haushalts. Außer mir waren noch eine alte, abgedankte Haushälterin da, die früher das Regiment geführt hatte und der nun die persönliche Bedienung der Herrschaften oblag – und noch eine kleine Bauernmagd für die groben Geschäfte. Kinder waren keine im Haus, dafür aber Gäste, Gesellschaften und ein bewegtes Leben. Was mir mein Amt lieb machte, war, daß mich die Professorsleute schätzten und in Ehren hielten, mich frei und selbständig schaffen ließen und dann noch das, daß mir die Küche übertragen war. Schon auf dem Gottlosen Zinken hatte ich das Kochen mit Leidenschaft betrieben, nun, da ich's ohne Aufsicht durfte und merkte, daß man viel Wert drauf legte, tat ich's erst recht gern. Ich kann mir nun nicht helfen – es ist schon so, und ich kann's auch in keinerlei idealem oder geistigen Zusammenhang erklären, warum ich diese so äußerst materielle und vulgäre Neigung mit solcher Liebe hegte, ich habe wenig anderweitige Talente, kann weder Klavier spielen, noch malen oder gut singen; ich bin aber stolz darauf, gut kochen zu können, und wenn es mir gelingt, etwa ein Spanferkel rösch und knusperig zu braten, eine feine Sauce fertig zu bringen oder ein Sülzlein schön und ohne Tadel zu bereiten, so bin ich mit Hochgefühl und tiefer Befriedigung erfüllt und wer mich deshalb verachtet, soll es tun; anders macht mich keiner.

Auch traf es sich, daß des Professors Haus ganz nahe dem meines Schwagers stand, ein schmaler Hof lag dazwischen und die Gärtlein hinter dem Haus stießen zusammen. Die Gasse, darin die beiden Häuser waren, zog sich dicht am Schloßberg hin; von der Wohnung meiner Verwandten ging ein hölzerner Steg zum Berg hinüber, wo sie unterhalb der Schloßmauer ein sonniges Stücklein Land besaßen.

Zu Anfang litt ich an einem mächtigen Heimweh nach dem Gottlosen Zinken; es war mir ein kleines Zimmer zugewiesen, das gegen den Berg zu ging und in dem es ewig dunkel und kühl war. Ach, da war kein weiter, heller, hochgewölbter Himmel, kein freies, stilles, schönes Land, es gab keine tosenden Stürme, die in herber Herrlichkeit die Nächte durchfuhren, es gab keinen nahen Wald mit stöhnenden und windverwühlten Bäumen! Man mußte sich hübsch bescheiden lernen; hier war alles voller Berge, Gassen und Gelärm und bedrückte mich elend.

Allmählich aber gewöhnte ich mich dran; eine Menge neuer, farbiger Eindrücke stürmten auf mich ein, das vordem so leuchtende Bild des Gottlosen Zinkens verblaßte sacht in mir.

Da lebte vor allem im Hause selber ein Mensch von höchst wunderlichem Gebaren, das war die alte Haushälterin Genovev; da sie von Alters wegen fast keinen Dienst mehr tun konnte und das Zusehen hatte, wie eine Junge ihr das Regiment aus der Hand nahm, tat sie mir leid, und ich bemühte mich geflissentlich um ihre Gunst, was sie mit der Würde und Majestät einer gekränkten Kaiserin hinnahm. In seltenen guten Stunden fühlte sie sich bewogen, mir aus dem Schatze ihrer reichen Lebenserfahrung einen guten Rat zu geben; etwa, daß, wenn eine Sauce zu dunkel wäre, man Milch hineintue; werde sie aber zu hell, so nehme man Zichorie oder Kaffeesatz.