Von außen betrachtet, war sie ergötzlich anzusehen, – klein, fett, mit verschmitzten Sauäuglein, aus denen sie ganz nach Belieben dicke, runde Tränen kullern lassen konnte, soviel sie benötigte. Auf dem Haupt trug sie ein halbes Pfund Haarnadeln und ein winziges, graues Schwänzlein in wenig schöner Anordnung. Sodann hatte sie eine beträchtlich rote Nase mit sanften bläulich-violetten Schattierungen; diese aber, sowie täglich mehrmaliges, geheimnisvolles Verschwinden der Alten in der Richtung auf den Keller zu, auch manch mysteriöses Sich-zu-schaffen-machen an des Professors Likörschrank und ein affenartig schnelles Verschwinden, wenn in solchen Augenblicken jemand in die Stube trat, brachten mich auf finstere Verdächte, die sich leider immer tiefer begründeten. Ich bestrebte mich nun zwar, zu tun, als ob meine Augen nichts gesehen hätten und mein Herz von nichts wüßte; doch schwand meine tiefe Hochachtung und ich brachte es von da an nimmer fertig, sie zu behandeln, als ob sie aus Marzipan oder die Kaiserin von China sei. Sobald sie aber dies herausgefunden hatte, änderte auch sie sogleich ihr Benehmen gegen mich und bombardierte mich nun täglich mit einem Schwarm von äußerst schlauen, feinen Bosheiten.

Dessenungeachtet aber war sie ungeheuerlich fromm, Bibelsprüche und erbauliche Liederverse liefen ihr wie Wasser vom Mund; keine Predigt, keine Betstunde noch Beerdigung waren vor ihr sicher. Mit tiefer und wortereicher Verachtung sah sie auf die übrige Menschheit herab, die voller Gottlosigkeit und Unzucht dem Pfuhl der Hölle zustrebte; sie selber war eine Heilige, Märtyrerin und göttlich Begnadete; sie hatte bedeutsame Träume und Gesichte, darin der Herr selber mit ihr sprach und ihr Propheten und Apostel erschienen, ja, zeitweise war sie ganz in den Himmel entrückt, schwankte, lallte Unverständliches, schlief darnach wie ein Kartoffelsack und erzählte Tags darauf von der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalems, die sie geschaut hatte.

Besonders des Abends, wenn zuvor Genovev und Kellerschlüssel dunkle, geheimnisvolle Viertelstunden lang »entrückt« gewesen waren, war jene göttliche Begnadigung groß. Das Hausmädchen und ich standen andächtig lauschend in der Küche bei ihr, sie aber saß mit mächtig tönendem Redeschwalle, nur von gelegentlichen grunzenden Lauten unterbrochen, auf ihrem breiten Küchenstuhl, die Aeuglein glänzend und verzückt gen Himmel geschlagen, und sie drückte daraus fleißig kugelnde Tränen über die fetten Backen hinab. Sie sprach von der Verderbnis der Welt und menschlichen Natur und mehr noch von dem Golde und den Harfen und Engelscharen der Oberen Stadt, darinnen sie schon im Geiste weilte, sie gestikulierte mit unsichtbaren Evangelisten, Heiligen, Prälaten und Generalsuperintendenten, mit denen sie auf du und du stand, schneuzte mit Ekstase in ihr kariertes Sacktuch, schluchzte dazwischenhinein, daß es ihr Herzstöße gab und hob die Arme schwärmend himmelan. Bis sie dann von all diesen Erscheinungen, Gesichten und vom Lobe Gottes müd war, immer mysteriösere Laute von sich gab, gefährlich auf ihrem Stuhl zu schwanken begann und schließlich vornüber auf den Küchentisch sank und alsbald ein kräftiges Schnarchen hören ließ.

Diese Stunden aber waren so ungeheuer närrisch und erheiternd, daß ich jedesmal darnach erfrischt und aufs lebhafteste ermuntert wie nach einem köstlichen Bade die Küche verließ, und daß mich oft in der Nacht noch das Lachen schüttelte, wenn ich dran dachte. Auch brachte ich es um deswillen fertig, ihr alle Boshaftigkeit, die sie mir antat, zu verzeihen, so daß unser Verhältnis vorerst bis auf ein paar kleine, spitzige, schlau und verhüllt geführte Feldzüge täglich das denkbar beste war.

– Bei meinen Verwandten war ich am ersten Abend noch geschwind gewesen; Margret schien es körperlich nicht gut zu gehen, auch wollte es mich bedünken, als stünde es mit des Schwagers Geldwesen nicht gut; man hätte im Haushalt einteilen und sparen sollen, dazu war aber die schöne, lustige Margret nicht geschaffen, auch wenn sie sich Mühe gab, brachte sie's nicht fertig. Eine Magd konnten sie sich nicht halten; es war nur eine Frau da, die des Morgens im Haushalt etliches half. Nun wurde es Margret zuviel, der Schwager wollte gut gekocht haben und ein geselliges Leben führen, und dazu waren die vier kleinen, lebhaften Kinder da.

Doch merkte man von diesem allem, so von außen betrachtet, außer etlicher Schlamperei in den Stuben und gelegentlich einem zerrissenen Hemmedlein der Kinder kaum etwas, die Eheleute hatten einander lieb wie in den Flitterwochen, führten ein eigenartiges, höchst vergnügtes Leben, ließen fünfe gerade sein und machten sich keine Sorgen. Mein Schwager war ein großer, imponierender Mann mit einer mächtigen Leibesfülle; so wenig mir sein dicker Bauch gefiel, so schön erschien mir sein Gesicht, – von fröhlichem, gewinnendem Ausdruck, wahrhaft edel im Schnitt und voller Gescheitheit, dazu von dichten, dunkeln und gelockten Haaren umstanden. Er war ruhig und sicher im Wesen und gefiel mir recht gut.

An meinem ersten freien Sonntag, über den ich schon von der Frühe an verfügen durfte, ging ich nun hinüber, um ihn mit meinen Verwandten zu verleben; es war morgens um acht Uhr, und die Sonne schien heiter auf das Schild am Haus: Adolf Fouqué, Antiquariat und Sortiment.

Die Wohnung lag über zwei Treppen hoch; da die Glastür unverschlossen war, trat ich ein und gelangte vor das Wohnzimmer, daraus mir eine schöne, feierliche Klaviermusik entgegenkam. Mein Klopfen wurde nicht gehört, so ging ich hinein, und es bot sich mir ein vergnüglicher und seltsamer Anblick. Mein Schwager saß im Hemd am Klavier und spielte; durch die weit offene Tür sah man in ein noch von der Nacht her mit einer genialen Schlamperei beseeltes Schlafzimmer, wo Margret mit rot geschlafenen Backen und strahlenden Augen im Bette lag, ihr Jüngstes im Arm, und die hellen Zöpfe hingen wirr und halb offen übers Kissen hinunter. Die Sonne füllte blendend beide Stuben, in ihrem Schein sah man alle Möbel mit einem gemütlichen Staube bedeckt; auf dem Klavier war mit dem Finger geschrieben ein griechischer Vers in dem grauen Pelzlein zu lesen. Auch hatten die meisten Dinge hier wie in der Schlafstube die Eigenart, just an dem Orte zu liegen, wo sie nicht hingehörten, von Margrets himmelblauem Sonntagskleid an bis zu dem Sandkistlein der Katzen, deren etliche mit fröhlichem Getümmel die Stube bevölkerten und in prächtiger Ungeniertheit über Tische, Betten und Klavier spazierten.

Der Schwager fuhr rücksichtsvoll in eine Hose, als er mich erblickte, ließ sich dann aber nicht weiter in seinem Spiele stören; Margret bedeutete mir stumm, mich zu ihr auf's Bett zu setzen. »Weißt du,« sagte sie leise, als ich bei ihr war, »das ist bei uns alle Sonntage so; ich darf mir meine Lieblingsstücke bestellen, Adolf spielt alles ohne Noten. Das ist unsere Morgenandacht. Ach, hör doch, das ist Bach – ist das nicht wunderbar schön? Du mußt nun ganz still sitzen bleiben, gelt, und zuhören!«

So saß ich denn, obgleich es mein Hausfrauenherz mächtig gelüstete, die Betten zu schütteln, das Kind anzuziehen und schließlich das Nötigste abzustauben, nun höchst unvernünftigerweise stille auf meiner Schwester Bett, und allmählich drang der Zauber dieser morgendlichen Stunde auch in mein verstocktes Gemüte. Margret lag in halber Verzückung da; war der Schwager mit einem Stück zu Ende und hielt einen Augenblick inne, so sagte sie unverweilt und mit Feierlichkeit, als liege ihr das Wort seit langem freudig bereit, den Namen eines nächsten, worauf er denn auch alsbald lächelnd weiter spielte.