So ging es schön und festlich in den sonnigen Morgen hinein; als Adolf endlich aufstand und mit der Begründung, er habe Hunger wie ein Loch, den Klavierdeckel herunterklappte, war es über zehn Uhr. Margret fuhr munter in einen Schlafrock, lief barfüßig aus und ein und trug, indes Adolf seinen Kaffee kochte, auf dem ungedeckten Tisch ein auserlesen leckeres Frühstück zusammen: die Sonntagsbrezeln und ein paar alte Pumpernickel, eine Büchse mit Oelsardinen, einen Rest Käse und einen Zipfel Wurst, sowie ein Stücklein Braten; die Butter ließ sich längere Zeit nicht finden, – schon hatte man den Kater im Verdacht, da brachte sie Margret im Triumph herein: höchst seltsamerweise war die Butter an ihrem richtigen Platz gewesen, wo man aber leider alten Erfahrungen gemäß zuletzt gesucht hatte.

Und mit dem gleichen schwelgerischen Genusse wie zuvor an Mozart und Beethoven labten sich die Eheleute nun an ihrem üppigen Frühstück; aus der Schlafstube der Kinder nebenan drang nun allmählich ein ohrenbetäubender Lärm, die Katzen waren hungrig und liefen mit steil erhobenem Schwanze auf dem Tisch zwischen Käs und Fischlein einher, steckten auch ab und zu den Kopf in das Milchkännchen; es ging nun gegen elf Uhr, – und doch saßen die beiden, ohne sich im mindesten stören zu lassen oder sich etwa zu beeilen, voll unbegrenzter Behaglichkeit vor ihrem Kaffee, waren herzlich vergnügt über meinen Besuch und unterhielten mich prächtig.

Später tat dann Adolf einen seltsamen, vogelartigen Pfiff, darauf kollerten mit Jubelgeheul die drei hemmetigen Sprößlinge herein, fielen über Eltern, Katzen, Brezeln und Käse her, und die Wonne stieg zusehends. Auch entwickelte man dann eine rührige Betriebsamkeit, wusch und kämmte sich allerseits, zog schöne Kleider an und besorgte das Mittagessen. Der Schwager erwies sich als äußerst geschickt in Haushaltungssachen, tat kunstgerecht den Braten ans Feuer, badete den Säugling und versuchte die Suppe. Des Nachmittags ging man insgesamt spazieren, auf einer frühlingswarmen Wiese legte sich der dicke Schwager ins Gras, die Kinder kletterten ihm auf dem Bauch herum; er wußte eine Unmenge kleiner Kunststücke und Spässe, sodaß selbst uns Großen vor Lachen die Tränen hinunter liefen. In einem Dorfwirtshaus ließ der Schwager dann ein fürstliches Abendessen auffahren; man trank auch Wein dazu, und es war spät in der Nacht, als wir mit den todmüden Kindern wieder nach Haus kamen.

War nun auch der Eindruck, den ich an jenem Sonntag von meinem Schwager erhielt, ein vorwiegend guter und heiterer, so erwies sich leider, als ich ihn in der nächsten Zeit von nahem kennen lernte, daß Fouqué ein äußerst bequemer, egoistischer, ja, sozusagen grundfauler Mensch sei, der für alles Lust, Talent und Liebe hatte, nur keinen Funken davon für sein Geschäft. Er hatte in seiner Jugend verschiedentliches studiert, wovon aus dunklen Gründen nichts zum Abschluß gekommen war, hatte dann zum Buchhändler umgesattelt und vom väterlichen Erbe sein jetziges Geschäft gekauft. Auch sei er schon einmal kurz verheiratet gewesen; seine Frau, eine Tochter aus guter Familie, sei ihm aber nach halbjähriger Ehe wieder davon gelaufen, weil er sie nicht habe verhalten können.

Nun war er an die Margret gekommen; die Grundsätze und Anschauungen der beiden, was ein fröhliches Leben und eine geniale Wursthaftigkeit gegenüber aller Pflicht und allem Ernste anbelangte, fügten sich so prächtig zusammen wie ihre schönen, heiteren Gesichter. Wenn sie nun nicht bedauerlicherweise jedes Jahr ein Kind bekommen hätten, für das gesorgt sein wollte, wenn nicht auch von diesen beiden Glücklichen jeden Tag eine tüchtige Portion Arbeit und Dazutun gefordert worden wäre, ja, dann wäre wohl alles gut und glatt gegangen.

Der Schwager war zu einem schönen Leben, zum Freuen und Genießen geschaffen wie selten einer; ob er aus seines Ladens Bedrängnis heraus eine Weile in seinem Mauergärtlein sich frische Luft und Sonne zuführte und an seinen Rosen roch, ob er mit seinen hübschen Kindern Narreteien trieb, ob er Mozart hörte oder ein Gansleberlein aß, – immer tat er es voller Andacht, bedachtsam alles Schöne, auch das Bescheidenste, tief und dankbar in sich aufnehmend und voll köstlich bewußter, genießerischer Lust und spitzfindigem Auskosten alles Gebotenen. Er verfügte über eine Masse Talente und Fertigkeiten, die das Dasein etwa schön und vergnüglich machen konnten, er dichtete, spielte Klavier, konnte kochen und war ein ausgezeichneter Gärtner; er hatte eine seltsame, sichere Art, viel Wein zu trinken und darnach heiter und voll prächtiger Laune zu werden, ohne jemals auch nur im geringsten betrunken zu sein. Er war sehr belesen und weit gereist, dazu klug und fabelhaft witzig, konnte zwanzig Leute auf einmal unterhalten, gewinnen, hinreißen und bestrickend leichtsinnig und übermütig lachen wie ein Knabe.

Und nun war es wiederum so: wäre Herr Fouqué ein Rentner oder Baron oder schließlich auch Kanzleirat mit sieben zu verschlafenden Bürostunden täglich und gesichertem Gehalte gewesen, – so hätte können alles in Ordnung sein und er wahrscheinlich hoch angesehen und wertgeschätzt von allen Seiten. So aber war er in der Stadt in einem üblen Gerüchlein und von etlichen Stimmen als Lump und Fauler verschrieen; denn es war wohl bekannt, daß er bis zehn Uhr morgens im Bette lag und nie vor elf im Geschäft erschien, daß er oft bis weit über Mitternacht sich mit ihm ebenbürtigen Kumpanen in der Weinstube zum Blauen Kater herum trieb, daß man die hübsche Frau Fouqué stets, wenn es die Miete oder einen Wechsel zu bezahlen gab, verweint und augenscheinlich in großen Nöten sah; fernerhin, daß, wenn einer etwas bei Fouqué bestellte, es ihm stets mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit auf den übernächsten Tag versprochen wurde, aber meist nicht vor Ablauf etlicher Wochen besorgt, – wenn es Fouqué nicht etwa ganz vergaß. Ja, man erzählte sich sogar, daß die Weihnachtsnovitäten pünktlich vom vierundzwanzigsten Dezember ab bei Fouqué zu haben waren.

Dieses alles erkannte ich nun so nach und nach und wurde mit Betrübnis inne, in welches Loch voll wunderlichen Elends die Margret da geraten war; denn wenn's die beiden auch mit Vergnügtheit und zumeist mit Anstand trugen, so war es doch da und tat mir umso weher, je mehr sie mit Blindheit und leichtem Sinn drüber weg gingen, kein Fingerlein regten, es besser zu machen und immer tiefer hinein gerieten. Am meisten Sorge machte mir Margrets Gesundheit; ich hätte sie am liebsten eine Weile heim zur Mutter geschickt und inzwischen ihrem verlotterten Haushalt ein bißlein auf die Füße geholfen; doch ging es nicht, weil ich ja gebunden war; auch lachten mich Margret und der Schwager ob eines solchen Vorschlags schallend aus; so weit sei's nun doch noch nicht.

Da war es nun gut, daß ich in mir einen mächtigen, unsichtbaren Strom trug, der voller Glut und Unerschöpflichkeit darnach drängte, gebraucht zu werden: hier konnte ich ihn springen lassen, und er wurde allsogleich dürstend und dankbar aufgesogen. Fast jeden Abend war ich nun drüben bei Fouqués, um Margret zu helfen; jede freie Stunde, die ich erübrigen konnte, jeden Sonntag und tief in die Nächte hinein schaffte ich, – die Mutter sollte mir nicht umsonst geschrieben haben; ich räumte Margrets Stuben auf, kochte ihr Gesälz ein, flickte des Schwagers Socken und der Buben Hosenböden, und je länger ich drüben war, desto mehr und inniger wuchs mir die ganze fröhliche Bande ans Herz.

– Jeden Dienstag waren die Professorsleute bei Bekannten zum Abendessen eingeladen. Wir waren alsdann frühe mit der Hausarbeit fertig, kochten uns noch einen Brei, und nach dem Essen sagte man einander Gut Nacht.